Plötzlich heimatlos

Terror-Opfer und ihr Weg ins Rheinland

Nur noch weg

Asche wirbelt auf. Schreie. Rund 20 Männer laufen über einen Platz.

Im Schatten der Wesselinger Raffinerie findet das Fußballtraining der Seniorenmannschaften des SV Weiß-Blau Urfeld statt. Mit dabei: Charles und Boris. Die beiden Nigerianer sind noch nicht im Verein angemeldet, mitmachen dürfen sie trotzdem. Sie strahlen und lachen. Die beiden Freunde fühlen sich schon nach einer Woche in Urfeld sichtbar wohl. „Die Menschen hier sind sehr zuvorkommend. Es sind meine Brüder“, erklärt Charles.

„Die Menschen hier sind sehr zuvorkommend. Es sind meine Brüder“. Charles aus Nigeria

Innerhalb von nur wenigen Tagen hat der 30-Jährige in der zweiten Mannschaft der Weiß-Blauen Freunde und eine Ersatzfamilie gefunden. „Ich habe noch zwei Brüder in Nigeria, aber es gibt überhaupt keinen Kontakt mehr. Der Rest der Familie ist tot“, erklärt er in einer Trainingspause und Tränen laufen ihm über die Wange. Seine Eltern wurden getötet. Getötet von Boko Haram.

Die islamistische Terrorgruppierung verfolgt seit der Jahrtausendwende Christen, spätestens seit 2009 foltern und morden die Anhänger. Zehntausende Christen sind den Angriffen zu Opfer gefallen. Christen, wie die Angehörigen von Charles. Auch Boris hat Ähnliches erleben müssen. Sein ganzes Dorf im Nordwesten Nigerias wurde von Boko Haram dem Erdboden gleich gemacht. „Sie haben alle getötet. Es gab Niemanden mehr“, sagt der 25-Jährige, der sich versteckte und nur so den Angriff der Terroristen überlebt hat.

Kontakte knüpfen

Von damals sind nur die Erinnerungen geblieben. „Alles was wir tragen, haben wir von den Menschen hier in Deutschland bekommen“, erklärt Charles. So auch Trainingsanzüge und Fußballschuhe.

„Beim ersten Training sind sie in ihren Straßenklamotten aufgetaucht. Da mussten wir etwas unternehmen“, erklärt Franc Heidenstecker, Geschäftsführer von Weiß-Blau Urfeld. Die Spieler bringen Schuhe und Jacken mit, selbst die Damenmannschaft spendet Utensilien. Und das kommt an. „Am Anfang waren die Beiden noch etwas zurückhaltend. Jetzt fügen sie sich immer besser ein“, sagt Stefan Korte, Trainer der zweiten Mannschaft. Wenn Sie dabei bleiben wollen, würde Heidenstecker die Anmeldegebühr springen lassen.

„Es ist wichtig, dass die Flüchtlinge sozialen Kontakt haben. Wo geht das besser als in einer Mannschaft?“, will der Geschäftsführer wissen.

Zu Fuß durch die Sahara

Mittlerweile leben die beiden Nigerianer zusammen auf rund 20 Quadratmetern in einem Flüchtlingsheim in Wesseling – und sind zufrieden. Mehr als das. Charles und Boris sind endlich glücklich.

Asylverfahren

Asylbewerber suchen in fremden Ländern Schutz vor politischer oder sonstiger Verfolgung. In Deutschland beginnt das Asylverfahren mit einer Prüfung. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge untersucht, ob dem Bewerber Schutz zuzuerkennen ist. In einer Anhörung muss der Flüchtling darlegen, weshalb er verfolgt wird. Im vergangenen Jahr wurden 1,8 Prozent aller Anträge als asylberechtigt bestätigt. 24,1 Prozent der Bewerber wurden als Flüchtlinge anerkannt. Beide Gruppen erhalten ein Aufenthaltsrecht von drei Jahren und Sozialleistungen. Wird der Antrag abgelehnt, müssen die Bewerber Deutschland verlassen. Bis eine Abschiebung erfolgt vergeht allerdings viel Zeit. Bis dahin sind die Bewerber geduldet. In mehr als einem Drittel der Anträge wird gar nicht erst auf Rechtmäßigkeit geprüft. Etwa dann, wenn Deutschland für die Entscheidung nicht zuständig ist. So kann ein Bewerber nur Asyl in dem Land der EU beantragen, dass er als erstes betreten hat.

„Deutschland ist ein fantastisches Land“, sagt Charles. Warum? „Weil hier Frieden ist“, sagt er. Sein Lächeln wirkt gequält. Mehr als 160 Flüchtlinge und Asylbewerber leben aktuell in Wesseling. Für 2015 erwartet die Stadt 150 weitere, bundesweit gehen die Bundesländer von einem Zuwachs von 500.000 Flüchtlingen aus.

Charles und Boris müssen Deutsch lernen. Unterricht nehmen sie im Katholischen Pfarrheim St. Josef. Der Deutschkurs ist für die Flüchtlinge umsonst. Genauso wie die Schreibmaterialien, Schulbücher und Lehrhefte. Auch Tekleab und Bereklet aus Eritrea nehmen an dem Kurs teil. Sie flohen aus politischen Gründen. Genauso wie Abeba. Die 32-Jährige lebt seit fünf Jahren in Wesseling.

Sie ist nahezu den gesamten Weg über den Sudan, durch die Sahara über Libyen zu Fuß gegangen. Mit dem Boot kam sie nach Italien, von dort ging es zu Fuß weiter nach Deutschland. Mehr als 6000 Kilometer legte sie zurück. Ihre Reise in die neue Heimat dauerte fast zwei Jahre.

Aus Angst um ihren damals achtjährigen Sohn, ließ sie ihn bei Schwester und Mutter zurück. Afat floh mit Abebas Schwester vor drei Jahren nach Äthiopien. Als seine Tante Ende vergangenen Jahres das Geld für ein Flugticket zusammen hatte, folgte der Junge seiner Mutter nach Deutschland.

Heute ist Afat 13. Er geht in Wesseling zur Grundschule. Seine Klassenkameraden behandeln ihn nett, sagt Abeba.

Mit dem Boot nach Lampedusa

Tekleab und Bereklet sind ebenfalls über den Sudan nach Libyen geflohen. Sieben Tage kamen sie in der Sahara ohne Verpflegung aus. Einzig ein wenig Wasser hatten die beiden Flüchtlinge dabei. Mit einem Boot überquerten sie von Libyen das Mittelmeer und erreichten auf Lampedusa europäisches Land.

„Wir waren mehr als 200 Menschen auf dem Boot. Eigentlich war es für 50 Personen zugelassen“, sagt Tekleab.

Eine gefährliche Angelegenheit. Im vergangenen Jahr starben mehr als 3000 Menschen bei der Überfahrt.

Ohne Verpflegung befanden sich Tekleab und Bereklet drei Tage auf dem Meer. Auf Lampedusa gibt es zwar ein Auffanglager für 1500 Menschen, doch das ist chronisch überfüllt.

„Wir waren mehr als 200 Menschen auf dem Boot. Eigentlich war es für 50 Personen zugelassen“. Tekleab aus Nigeria

Tekleabs Reise war noch nicht beendet. Mehr als 5000 Dollar bezahlte er einer Schlepperbande, um nach Europa zu kommen. „Meine Familie hat alles verkauft, damit ich fliehen kann“, erklärt der 29-Jährige. Nach seiner Ankunft auf der italienischen Insel war er auf sich alleine gestellt. „Ich hoffe, dass ich meine Familie in wenigen Monaten wiedersehe.“

Wo und wie, will er nicht sagen. Er will Niemanden gefährden.

Youtube: Europa oder Tod - Die Lebensretter im Mittelmeer (Phoenix-Doku)

Drei Tage auf dem Meer

Im Deutschunterricht fährt Boris mit dem Finger über eine Afrika-Karte. Auch er hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Der 25-Jährige stammt aus dem Norden Nigerias und hat ebenfalls die gefährliche zentrale Mittelmeerroute genutzt.

Flüchtlingsroute

Die meisten Flüchtlinge gelangen per Flugzeug mit einem Visum in die EU. Laut der EU-Grenzagentur Frontex gibt es jedoch zahlreiche Land- und Seewege, um die Grenzen zur EU erfolgreich zu überwinden. So kamen im vergangenen Jahr mehr als 150000 Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien oder Malta. Mehr als 43000 Flüchtlinge versuchten von der Türkei aus nach Griechenland, Zypern oder Bulgarien zu gelangen. Für viele geht es dann weiter über den Balkan nach Ungarn oder Slowenien. Zahlreiche Flüchtlinge aus Westafrika versuchen auf den Kanaren europäischen Unterschlupf zu finden. Der Großteil der Flüchtlinge aus der Russischen Föderation gelangt über die östliche Festlandgrenze in die EU.

Über Niger floh er nach Lybien – ohne Hab und Gut, ohne Verpflegung. Zwei Monate kämpfte er in dem nordafrikanischen Land ums Überleben. „Ich hatte Nichts“, sagt er. „Um ein wenig Geld zu verdienen, habe ich Autos gewaschen. 15 Dinar hat mir das am Tag gebracht.“ Abends wurde ihm das Geld, von „bösen Menschen“ – wie er sagt – wieder abgenommen.

In Nigeria hat Boris als Maschinenbauer gearbeitet. Beim Autowaschen ist er von einem Mann angesprochen worden. Dieser versprach ihm eine bessere Zukunft – eine Zukunft in Europa. Und tatsächlich: Der Mann, dessen Namen Boris nicht mehr kennt, brachte den 25-Jährigen auf einem großen Boot unter. Boris gelang die Überfahrt nach Sizilien. Drei lange Tage verbrachte er auf dem Meer.

Von Sizilien ging es weiter nach Mailand. Wohl fühlte er sich nicht. Er musste Betteln, um zu überleben. „Die Menschen in Italien haben mich wie Abschaum behandelt“, sagt er. „Das ist in Deutschland ganz anders. Hier werden wir respektiert.“ Über Frankfurt kam er nach Dortmund und von Unna schließlich nach Wesseling. Dort lernte er Charles kennen und die Beiden freundeten sich an.

Interaktive Karte: Aus aller Welt ins GA-Verbreitungsgebiet

(Daten: Zensus 2011)

Orientierungslose Flucht

Von einer gänzlich anderen Route hat Charles zu berichten. Glaubt er zumindest. Denn an alle Details kann er sich nicht mehr erinnern.

In seinen Erinnerungen ist er über den Landweg nach Europa gekommen. Der ist zwar nicht so gefährlich, durch verschärfte Grenzkontrollen aber erschwert. Der 30-Jährige floh von Nigeria nach Kamerun. Dort betäubte man ihn mit Essen – so glaubt er, denn viel weiß er seit diesem Moment nicht mehr. Vier Tage war er wie benebelt, schlief nahezu ausschließlich, aß nicht und wachte schließlich in einem Container auf.

„Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Wir sind ja immer weiter gereist“, erklärt er. Bei einer Nacht und Nebel-Aktion holte ihn dann ein Helikopter ab. Wieder war er benebelt. Am Ankunftsort packten einige Flüchtlinge Teppiche aus und beteten.

Charles glaubte in einem arabischen Land zu sein, in welchem, wusste er nicht. Ein weiterer Black-Out. Als er nach einigen Tagen zu sich kam, befand er sich in einer fremden Stadt. „Bei Tageslicht habe ich gesehen, dass wir wohl in Europa waren. Es gab so viele weiße Menschen“, erklärt er. „Aber die haben komische Tücher auf dem Kopf getragen. Und deren Schrift konnte ich nicht lesen.“ Mit dem Auto ging die Reise weiter. Über Italien kam Charles schließlich nach Düsseldorf.

„Die Polizei hat mir geholfen. Ich habe meine Geschichte erzählt und die Polizisten haben mir ein Bahnticket und Essen gekauft. Dann bin ich weiter nach Dortmund, von dort nach Unna.“ Auch Charles hat für seine Reise nichts bezahlt. Ein Mann hat ihm die Flucht ermöglicht. „Das war ein guter Mann. Er war schon alt. Sein ganzer Kopf war mit weißen Haaren bedeckt“, erzählt er.

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Angekommen

Gutes widerfährt Menschen wie Charles und Boris jetzt auch in Wesseling. „Uns geht es mit den Sprachkursen darum, den Flüchtlingen die Integration in unserer Gesellschaft zu erleichtern.“, sagt Michaela Hörnig-Biermann vom katholischen Familienzentrum. Auch deswegen ist die Aufnahme in dem Fußballverein so wichtig. „Glücklicher- und dankenswerterweise hat der Fußballverein Weiß-Blau Urfeld sofort seine Bereitschaft gezeigt“, erklärt sie.

Schlepperbanden

Den verzweifelten Wunsch, in Frieden und Sicherheit zu leben, machen sich Schlepperbanden zu Nutze – ein Millionengeschäft. Flüchtlinge aus Zentral- und Nordafrika zahlen je nach „Reisekomfort“ bis zu 10000 Dollar, um nach Europa zu gelangen. Die Menschenschmuggler arbeiten meist hochprofessionell. Für das nötige Kleingeld werden auch Papiere gefälscht und die Reise erfolgt per Flugzeug.

Kontakte knüpfen, ein soziales Umfeld schaffen. Für Charles und Boris eine gute Sache. Ihr Schicksal verbindet die beiden: Heimatlos in einem fremden Land, ohne Wurzeln. Angesprochen auf ihr zu Hause zucken sie irritiert mit den Schultern. „Deutschland ist meine Heimat“, sagt Charles und lächelt. Er hat mit Nigeria abgeschlossen.

„Ich will nicht zurück solange Krieg in Nigeria herrscht, “ Und auch Boris ist sich sicher: „Da gibt es doch Niemanden, der sich um nicht kümmert“, sagt er traurig. In Deutschland wird sich um ihn gekümmert. In Schnitt rund 350 Euro zum Leben, dazu eine Bleibe und ärztliche Versorgung. Kontakte knüpfen Viele in Vereinen. Und gerade der Fußball ist für Charles und Boris eine Leidenschaft. David Alaba ist ihr großes Vorbild.

Der Profi von Bayern München hat es zum österreichischen Nationalspieler gebracht – mit nigerianischen Wurzeln, allerdings unter anderen Voraussetzungen. Das weiß auch Charles. Zum Fußballprofi wird er es nicht schaffen.

Er hat sowieso einen anderen Traum: „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen in Nigeria in Frieden leben können. So wie hier“, sagt er, doch seine Augen verraten, dass er nicht daran glaubt.

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Volontär beim General-Anzeiger Bonn
Seit 2004 journalistisch tätig, seit 2013 für den GA. Schreibt hauptsächlich über Sport und Lokales. Außerdem Autor der Romane “Entschuldigung? Ich bräuchte mal Ihr Kind!” und "Wie ich aus Versehen eine Bank ausraubte".

Fotos:

Roland Kohls, Privat, dpa

Grafik:

Clemens Boisserée und dpa

Konzeption, Design und Programmierung:

Clemens Boisserée