Abpfiff für Nazi-Fans

Wie die Bundesliga rechte Anhänger verdrängen will

Fußballreise ohne Fußball

Fußballfan. Das galt lange als Synonym für Prolet. Asozial. Oder bisweilen auch: Rechtsextrem.

Wichtige Begriffe

Fanbeauftragte sind Angestellte der Vereine. Laut Liga-Lizenzvorschrift muss jeder Bundesligist einen solchen beschäftigten. Sie sind das Bindeglied für Fans auf der einen und den Vereinsvertretern auf der anderen Seite. Fanprojekte sind unabhängiger vom Verein. Sie werden finanziell auch von der jeweiligen Kommune und dem Bundesland unterstützt. Ihre Angestellten sind meist Sozialpädagogen, die sich um präventive Arbeit mit Jugendlichen genauso kümmern wie um integrative Maßnahmen für auffällige Fans. Fanabteilungen sind ehrenamtlich geführte Abteilungen eines Bundesligavereins und dienen der Vermittlung zwischen Verein und Fans. Ultras sind die öffentlich wohl bekannteste Fangruppe. Sie koordinieren und beleben auf der einen Seite die Stimmung und Atmosphäre, neigen auf der anderen Seite zu Gewalt und zum Zündeln mit der umstrittenen Pyrotechnik.

Nichts davon trifft auf die Gruppe zu, die hier bei Nieselregen am Fuße einer gewaltigen Steinskulptur im ehemaligen Konzentrationslager Majdanek steht. 30 Männer und Frauen, Jugendliche und Erwachsene. Völlig unterschiedliche Menschen, die eines eint: ihre Leidenschaft für den Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund. Viele von ihnen folgen dem Verein zu seinen Spielen durch ganz Europa. Doch hier hin, in die polnische Kleinstadt nahe der Grenze zur Ukraine und rund 1200 Kilometer von Dortmund entfernt, verschlägt sie kein Fußballspiel.

Es ist Sommerpause. Der BVB hat eine mehrtägige Bildungsreise organisiert, nach Ostpolen, an einige Schauplätze der NS-Verbrechen. In Dortmund sind solche Angebote Teil eines Konzepts, mit dem der BVB seit 2013 gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit unter seinen Fans und in seinem Umfeld vorgeht. „Wir hatten dieses Jahr fast 100 Anmeldungen, drei Mal so viele wie wir annehmen konnten“, sagt Daniel Lörcher, Fanbeuftragter beim BVB und Organisator der Reise. Die Kosten trägt überwiegend der Verein.

In der schönen Welt des Fußballs braucht es meistens erst einmal schlechte Nachrichten, damit sich schlechte Angewohnheiten ändern. Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) kann man ein Lied davon singen, beim Weltverband Fifa erst recht. Bei Borussia Dortmund hieß diese Angewohnheit: stilles Tolerieren von Rechtsextremen in den eigenen Reihen. Das ging Jahre, Jahrzehnte so.

Heute gilt der Verein als Aktivposten im Kampf der Fußballvereine gegen Rechtsextremismus. Robert Claus beobachtet die Aktivitäten der Bundesligaclubs seit Jahren, er ist Mitarbeiter der Kompetenzgruppe „Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ an der Universität Hannover: „In Dortmund gibt es seit etwa drei Jahren eine starke Entwicklung, sich der vorhandenen Probleme zu stellen. Dafür mussten sich die Ereignisse aber auch erstmal überschlagen.“
Was war passiert?

Nazi-Banner auf der Südtribüne

Die Gruppe im Museum des Vernichtungslagers Belzec.

Die Gruppe im Museum des Vernichtungslagers Belzec.

„Solidarität mit dem NWDO“. So verkündete es im August 2012 ein Banner auf der Südtribüne im Dortmunder Stadion. NWDO, das steht für „Nationaler Widerstand Dortmund“, eine damals gerade von NRW-Innenminister Ralf Jäger verbotene Neonazi–Kameradschaft, aus der später die Partei „Die Rechte“ hervorging. Und jetzt solidarisierten sich also Fans auf Europas größter Fantribüne mit dieser Vereinigung? Die Empörung war groß – und wurde noch größer, als knapp ein halbes Jahr später Mitarbeiter des Dortmunder Fanprojekts und des BVB bei einem Auswärtsspiel von Neonazis tätlich angegriffen werden.

Im Fußball gibt es heutzutage nicht den einen Typ Fan. Wer ein Stadion besucht, der findet hier ein Abbild der Gesellschaft: jung, alt, reich oder arm – alle finden Platz, auf Sitzplätzen in Höhe der Mittellinie oder auf Stehplätzen hinter dem Tor. Ein Abbild dieser Vielfalt findet sich auch in der Gruppe wieder, die sechs Tage lang durch Ostpolen reist. Lublin, Belzec, Majdanek, Zamosc und Sobibor – allesamt Schauplätze der so genannten „Aktion Reinhardt“, bei der die Nationalsozialisten zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 Hunderttausende deportierten und umbrachten – darunter auch etwa 900 Juden aus der Region Dortmund.

In Zamosc kam der Dortmunder Deportationszug an.

Wenn Fans Vorfälle melden wollen und abgewiesen werden, verheizen wir Zivilcourage Robert Claus, Fanforscher an der Universität Hannover

„Viele Teilnehmer kennen die Orte, an denen die Deportation der Opfer in Dortmund begann. Dadurch entsteht ein Bezug, der Interesse weckt. Wir erzählen die Geschichte einzelner Dortmunder und machen so die ganze Tragik und Grausamkeit greifbar“, erklärt Daniel Lörcher. Ins pädagogische Konzept der Reise gehören Vor- und Nachbereitungsseminare. Vor Ort wird ständig über das Erlebte gesprochen. Und wenn sich dann der Jugendliche von der Südtribüne angeregt mit der Mittvierzigerin von der Haupttribüne unterhält, stoßen Menschen aufeinander, die durch die Art ihres Fanseins so kaum zusammenpassen. „Unterschiedliche Fans kommen hier zusammen und werden zu einer starken Gruppe, in der man sich auch künftig, beispielsweise im Stadion, aufeinander berufen kann. Dass ist das vielleicht wichtigste Ziel solcher Angebote“, sagt Lörcher.

Die Dortmunder Südtribüne fasst 25.000 Menschen. Das Stadion in der Westfalenstadt ist das größte in Deutschland, mehr als 80.000 Zuschauer passen herein – und die Auslastung bei den BVB-Heimspielen liegt bei nahezu 100 Prozent. Solche Menschenmassen vereinen verschiedenste Weltanschauungen – eine Normalität. Doch an nahezu keinem Fußballstandort wurden organisierte Neonazis so lange toleriert wie in Dortmund. Wer sich gegen sie einsetzte, fühlte sich vom Verein schnell alleingelassen. „Das Schlechteste was passieren kann ist, wenn Fans Vorfälle melden und beispielsweise vom Ordnungsdienst schroff abgewiesen werden“, sagt Fanexperte Robert Claus. „Damit verheizen wir Zivilcourage.“

Bildschirmfoto 2015-12-10 um 16.16.00Erst nach den geschilderten Vorfällen und der daraus resultierenden Aufmerksamkeit der Medien reagiert der Verein. Das Team der fest angestellten Fanbeauftragten wird aufgestockt, Experten von außerhalb herangezogen und gemeinsam ein sogenanntes fünf Säulen-Konzept entwickelt (siehe Grafik). „Dadurch können wir unsere Arbeit jetzt besser strukturieren, organisieren, aber auch kontrollieren“, erklärt Lörcher. Wo früher einzelne Abteilungen im Verein einzelne Aktionen gegen Rechts ins Leben riefen, sollen nun alle Bereiche des börsennotierten Fußballunternehmens zusammenarbeiten.

Schock und Zuversicht

„Was ich hier sehe und höre“, sagt Marius, „das schockiert und macht mich gleichzeitig auch selbstsicherer.“ Marius heißt in Wirklichkeit anders, das Mitglied einer Dortmunder Ultra-Gruppe möchte seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen. Auf dieser Reise besichtigt der 20-Jährige, wie viele aus der Gruppe, zum ersten Mal die ehemaligen Massenvernichtungslager der Nationalsozialisten. In Majdanek sind viele Gebäude erhalten geblieben. An den Wänden der Gaskammern sind noch die schimmernden Reste der Blausäure zu sehen, mit der die Menschen hier hingerichtet wurden.

Eine erhaltene Gaskammer im Konzentrationslager Majdanek.

Eine erhaltene Gaskammer im Konzentrationslager Majdanek.

„Man fragt sich so vieles: Wie konnte es soweit kommen? Haben so viele weggeschaut oder es wirklich nicht mitbekommen? Und vor allem: Wieso gibt es heute noch Menschen, die so etwas gut oder richtig finden?“ Fragen eines jungen Mannes, der sich mit dem Schauplatz eines Verbrechens konfrontiert sieht, bei dem innerhalb weniger Wochen knapp 80.000 Menschen ihr Leben verloren haben. „Das sind vergleichsweise wenig Opfer“, sagt der Gruppenleiter bei der Führung. Im Vernichtungslager Belzec, das die Gruppe am Vortag besucht hat, kamen mehr als fünf Mal so viele Gefangene um.

Auch in Dortmund ermordeten Neonazis Menschen. Zwischen 1933 und 1945, aber auch in jüngerer Vergangenheit. In München läuft derzeit der NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe – unter anderem wegen des Mordes an einem türkischen Kioskbetreiber in Dortmund im April 2006. Nur ein Jahr zuvor erstach der Neonazi Sven K. in der Innenstadt den Punk Thomas Schulz.

Führung im ehemaligen Konzentrationslager Majdanek.

Bis heute wird Dortmund immer wieder als Nazi-Hochburg bezeichnet. Und auch an dieser Stelle drängt sich Marius’ Frage nach dem „wieso“ wieder auf. Wieso Dortmund? Innerhalb der Reisegruppe gehen die Meinungen auseinander. Da seien die Fehler in der städtischen Politik und – so klagen einige Teilnehmer – die der Dortmunder Polizei, die den Nazis zu viel durchgehen ließ und es immer noch tut. Da seien die Versäumnisse des Vereins, der lange wegschaute. Aber auch die eigenen Fehler. „Die Rechten konnten sich im Stadion viel zu lange wohlfühlen, weil wir Fans uns nicht koordiniert und den Mund gehalten haben“, sagt einer.

Als Fan von Borussia Dortmund gegen Rassismus zu sein, soll selbstverständlich werden Daniel Lörcher, Fanbeauftragter von Borussia Dortmund

Mittlerweile gründeten sich einzelne Fanclubs, die sich, neben der Unterstützung des BVB, vor allem der Arbeit gegen Rassismus verschrieben haben. Sie sind auf Demonstrationen aktiv, organisieren Gedenkveranstaltungen oder Ausstellungen. Die Fanabteilung, ein offizieller Teil des Vereins mit rund 15.000 Mitgliedern, startete die Kampagne „Kein Bier für Rassisten“ und verteilte eine Million Bierdeckel mit dieser Botschaft unter Dortmunds Gastronomen. Und im Stadion bezogen die BVB-Ultras in Form von Spruchbändern zuletzt immer wieder deutlich Position gegen Rechts.

„Es gibt Vereine wie Werder Bremen oder St. Pauli, da ist so etwas Normalität . Dort gehört die Positionierung gegen Rassismus seit langer Zeit zum Selbstverständnis von Fans und Verein. In Dortmund ist das eine ziemlich neue Entwicklung“, sagt Fanforscher Robert Claus. Eine Entwicklung, die auch auf jener Selbstsicherheit basiert, von der BVB-Ultra Marius in Majdanek spricht: „Man fühlt sich in seiner Meinung bestärkt. Das es richtig ist, sich dafür einzusetzen, dass so etwas nie mehr passiert“, beschreibt er und findet Zustimmung beim Rest der Gruppe.

Die Rolle des ehemaligen Vernichtungslagers Belzec.

Der letzte Abend der Reise ist angebrochen. Die Geschichte der 900 deportierten Dortmunder ist erzählt, ihr Weg und der von mehr als zwei Millionen Juden, die bei der „Aktion Reinhardt“ ermordet wurden, erkennbarer, die Grausamkeit der NS-Verbrechen noch bewusster. Beim Abschlussbier wird erzählt, zugehört, diskutiert. Über das Erlebte der vergangenen Tage, eindrucksvolle und nachdenkliche Momente – und wie sich die Erfahrungen auf den Alltag auswirken sollen. „Solche Fahrten müssen eine nachhaltige Wirkung erzeugen“, erklärt der Fanbeauftragte Lörcher und nennt das Ziel all der Arbeit: „Es soll ein Selbstverständnis werden, als BVB-Fan gegen Rassismus und Diskriminierung zu sein.“

Engagement für Flüchtlinge

Rassismus und Diskriminierung aus den Stadien zu verbannen, ist das Eine. Seit einiger Zeit hat die Bundesliga allerdings zusätzlich eine neue gesellschaftliche Aufgabe erreicht: die Flüchtlingskrise. Fans heißen Flüchtlinge per Plakat willkommen, Spieler positionieren sich bei Facebook, die Teams drehen eigene Videos – aber es wird auch konkret geholfen. Nahezu alle Vereine, darunter der 1. FC Köln oder Mainz 05, haben Flüchtlinge ins Stadion eingeladen. Andere, wie der FC Bayern, unterstütz-en Projekte finanziell. Der Hamburger SV stellte für eine Notunterkunft einen Stadionparkplatz für 1300 Flüchtlinge zur Verfügung. Andere Vereine bieten Fußball-Camps an, sammeln Spenden oder organisieren eigene Flüchtlingsinitiativen. Die Bundesliga-Stiftung startete das Projekt „Willkommen im Fußball“ und stellt dafür 750.000 Euro zur Verfügung.

Ein Wunschzustand, der sich längst noch nicht mit der Realität deckt. Weder im Fußball grundsätzlich, noch in Dortmund im Speziellen. Deshalb will der BVB auch künftig Bildungsarbeit leisten, ob weiterhin in Form von Gruppenfahrten ist noch unklar. „Wir planen aktuell, wie es weitergeht. So eine Bildungsfahrt bedeutet einen unglaublichen Aufwand“, sagt Lörcher. Gleichzeitig soll nun das lokale Engagement und die Zusammenarbeit vor Ort ausgeweitet werden. Das rechte Problem des Vereins ist vor allem auch ein Problem der Stadt Dortmund und ihrer Zivilgesellschaft.

„Die Arbeit gegen Rechts wird für Borussia Dortmund auch auf lange Sicht nicht beendet sein“, sagt der Fanexperte Robert Claus. Aktuelle Vorfälle bestätigen ihn: Nach ihrer öffentlichen Positionierung gegen die Partei “Die Rechte”, wurden die Dortmunder Ultras zu Beginn der Saison vor den Räumen des Fanprojekts von Neonazis provoziert. Immer wieder kommt es seither zu Auseinandersetzungen. „Wir beobachten das, sprechen regelmäßig mit den Gruppen und versuchen, Übergriffe zu verhindern“, erklärt Lörcher. Er und andere sind auch selbst schon zur (digitalen) Zielscheibe geworden. So veröffentlicht das Portal „Dortmundecho“, hinter dem „Die Rechte“ steckt, immer wieder diffamierende Beiträge gegen die Fanbeauftragten, den Verein und einzelne Fans. Aber immerhin sie müssen damit im Netz bleiben. Im Stadion finden sie keine Plattform mehr – ein erster Erfolg.

Bundesliga gegen Rechts

Viele Vereine bieten Bildungsfahrten in ehemalige KZs an.

Viele Vereine bieten Bildungsfahrten in ehemalige KZs an.

Nicht nur in Dortmund wird längst gegen rassistische und diskriminierende Vorfälle in den Stadien vorgegangen. Fast alle Vereine organisieren Projekte gegen rechte Tendenzen in der Fanszene.

Seit Beginn der Flüchtlingsthematik ist soziales Engagement in aller Munde. Die Bundesliga und ihre Vereine werben unter den eigenen Fans für Toleranz und gegen Rechtsextremismus – mit unterschiedlichem Einsatz. Der GA hat alle 18 Bundesligisten zu ihrer Arbeit befragt.

Bayern München
Die Fanszene des Rekordmeisters ist grundsätzlich linkspolitisch einzuschätzen. Im vergangenen Jahr erhielt die Ultragruppe „Schickeria“ den Julius-Hirsch Preis des Deutschen Fußball Bunds. Der DFB vergibt den Preis an Vereine, Fans und Fußball-Organisationen, die sich besonders aktiv gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen. Unterstützung erhalten die Fans dabei vom Münchener Fanprojekt, das Gedenkstättenfahrten für Fans – unter anderem ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald – organisiert. Der Verein selbst hält sich mit aktiver Arbeit zurück, unterstützt aber Aktionen der Fanszene, wie Insider berichten. Bekannt im Zusammenhang mit der Thematik ist: Im Vereinsmuseum wird durch eine Dauerausstellung die Vereinsgeschichte während des Nationalsozialismus in den Fokus genommen.
VfL Wolfsburg
Beim VW-Werksclub ist die Fanszene überschaubar, auf Auswärtsfahrten sind selten mehr als einige hundert Fans dabei. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – schauen die Wolfsburger Fanbeauftragten genau hin, wie sich ihr Klientel entwickelt. Als sich vor wenigen Jahren Neonazis verstärkt im Fanblock blicken ließen, intensivierte der Verein seine Bemühungen in der Arbeit gegen Rechts. Das städtische Fanprojekt habe die Initiative „Wir schauen hin“ gegründet, um Präventionsangebote zu schaffen. „Der Fußball und seine Fans sind ein Teil der Gesellschaft. Wir haben die Pflicht, Stellung zu beziehen und uns einzubringen“, heißt es dort. In Zusammenarbeit mit dem Verein organisiert man an Schulen, in anderen Wolfsburger Fußballvereinen, in der eigenen Fanszene und auch vereinsintern Projekttage, um auf die Themen Rassismus und Diskriminierung aufmerksam zu machen. „Unsere Fanszene und ihr Kern bezeichnen sich heute als unpolitisch“, erklärt der Fanbeauftragte Michael Schrader.
Borussia Mönchengladbach
In Zusammenarbeit mit dem Fanprojekt Mönchengladbach und dem Sozialpädagogischen Fanprojekt „De Kull“ bot die Borussia in der Vergangenheit Fan-Fahrten ins ehemalige Konzentrationslager Auschwitz an. Im Stadion positioniert sich der Verein in Form von Bannern unter den Tribünendächern: „Für Toleranz“, „Für Respekt“, „Gegen Rassismus“ und „Für Borussia!“ prangen dort.
Bayer 04 Leverkusen
Lesungen und Gedenkveranstaltungen im Leverkusener Fanhaus waren bislang ebenso Angebote der Fanbetreuung, wie Fahrten in die ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. „Wir zeigen regelmäßig Flagge, haben das Thema aber nicht permanent auf der Agenda, da es kein erkennbares Problem in unserer Fanszene gibt“, sagt Bayer 04-Sprecher Dirk Mesch auf GA-Anfrage.
FC Augsburg
Bei den bayrischen Schwaben verweist man vor allem auf das städtische Fanprojekt. In dessen Arbeit sei die antirassistische Arbeit „ein wichtiger Aspekt“, teilt FCA-Sprecher Matthias Bitzl mit. Gemeinsam setzte der Verein zuletzt das Gedenkprojekt „Tag der Erinnerung im deutschen Fußball“ um. Aus der Augsburger Fanszene heraus wird in der Sommerpause seit mehreren Jahren ein Fußballturnier organisiert, in dessen Umfeld Lesungen und Veranstaltungen rund um das Thema Rassismus angeboten werden. 2014 fuhren Teilnehmer dieses Turniers zu einer Bildungsreise in die Gedenkstätte des KZ Auschwitz. „Die alltägliche Arbeit gegen Ausgrenzung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und die Unterstützung von Faninitiativen“ seien dem Fanprojekt wichtige Anliegen, so Bitzl.
FC Schalke 04
„Das Thema hat bei uns einen hohen Stellenwert und das Engagement gegen Rassismus ist in der Satzung verankert“, sagt Thomas Kirschner, Leiter Fanbelange bei Schalke. Diskussionsrunden mit Spielern und Fans, Theater-Aufführungen oder Ausstellungen habe der Verein in Zusammenarbeit mit Fans und Organisationen auf die Beine gestellt. Darüber hinaus setze sich die Schalker Faninitiative seit 1992 aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung innerhalb der Fanszene ein.
Borussia Dortmund
Schulungen,pädagogische Gruppenfahrten, Gedenkveranstaltungen, Netzwerkarbeit und (finanzielle) Unterstützung für Aktionen aus der Fanszene: beim BVB ist das Thema seit einiger Zeit verstärkt präsent. Neben dem Verein setzen sich auch die ehrenamtlich agierende Fanabteilung und das städtische Fanprojekt mit verschiedenen Aktionen gegen Rechts ein.
TSG Hoffenheim
Genau vier Stadionverbote wegen rassistischer Auffälligkeiten musste die TSG bis zur vergangenen Saison aussprechen. Das Thema sei „sehr gut unter Kontrolle“, sagt Peter Rettig, Vorsitzender der Geschäftsführung. Damit das so bleibt, startete der Verein Anfang des Jahres das die Initiative „Hoffe gegen Rechts“, zeigte Ausstellungen, organisierte Podiumsdiskussionen und intensivierte den Austausch mit Fanclubs und dem Fandachverband.
Eintracht Frankfurt
Auch in Frankfurt wird Fanarbeit gegen Rassismus vor allem vom städtischen Fanprojekt betrieben. Seit 2013 vergibt man dort den „Im Gedächtnis bleiben“-Preis, mit dem besonders engagierte Fans und Fanclubs ausgezeichnet werden. Auch organisierte das Fanprojekt eine Bildungsreise nach Israel und regelmäßig Filmvorführungen oder Lesungen, die sich mit der Aufarbeitung der NS-Zeit beschäftigen. Grundsätzlich sei „die heutige Fanszene von Eintracht Frankfurt sehr tolerant, bunt und weltoffen“, sagt der Frankfurter Fanbeauftragte Julian Schneider. Die Selbstregulation in der Fankurve bei Rechtsradikalismus funktioniere „in den letzten Jahren sehr gut“. Um dies zu erhalten, müssen neue Fanclubs zunächst eine einjährige Probezeit absolvieren, bevor sie den offiziellen Fanclubs-Status samt seiner Vorzüge wie Vorkaufsrecht von Eintrittskarten erhalten.
Werder Bremen
Der Weser-Verein gilt als einer der aktivsten Vereine des Landes bei der Bekämpfung von Rassismus im Fußball. In entsprechend vielen Projekten wirkt der Bundesligist mit. „Ziel der Kampagnen ist es unter anderem, Fußballanhänger gegen rechte Tendenzen im Stadion und im Alltag zu sensibilisieren“, erklärt Sprecher Norman Ibenthal. Unter anderem unterstützt der SVW Projekttage an Schulen, veranstaltete Gedenktage, sensibilisiert eigene Mitarbeiter im Umgang mit rechtsradikalen Symbolen und Parolen und hat einen Ethikkodex für Fanclubs entwickelt, der die Fans verpflichtet, sich gegen Rassismus und Diskriminierung zu bekennen.
1.FSV Mainz 05
Der Verein verknüpft die eigene Geschichte mit einer pädagogischen Fahrt ins ehemalige KZ Auschwitz – hier wurde auch der Vereinsgründer und erste Präsident des Vereins, Eugen Salomon, von den Nationalsozialisten hingerichtet. Darüber hinaus organisiert der Verein mit dem Fan-Projekt verschiedene Workshops, in die auch die Bundesliga-Spieler eingebunden werden. „Rechtsextreme haben in unserer Kurve keinen Platz, das ist deutlich in der Stadionordnung festgeschrieben“, sagt Vereinssprecherin Silke Bannick.
1.FC Köln
Der FC bietet regelmäßig Fahrten für unter 18-Jährige an, unter anderem ins ehemalige Konzentrationslager Dachau an. Die Fahrten organisieren das Fan-Projekt und die Stiftung 1. FC Köln. Im Rahmen der ligaweiten Kampagne „Show Racism the Red Card“ werden auch in Köln Workshops an Schulen und sozialen Einrichtungen zum Thema Rassismus entwickelt. Der FC unterstützt darüber hinaus das Bündnis „Arsch huh“, in dem sich die Kölner Stadtgesellschaft für Aktionen gegen Rassismus organisiert. Vereinssprecher Tobias Kaufmann betont aber auch: „Die Fanszene des 1. FC Köln ist im Hinblick auf Rechtsradikalismus nicht problematisch, weder im Stadion noch in der aktiven Fanszene treten Rechtsradikale als relevante Gruppen auf.“
Hannover 96
In Hannover gibt es den vom Verein organisierten Arbeitskreis „96-Fans gegen Rassismus“, in dem das Fan-Projekt und Fan-Vertreter Aktionen zum Thema „Umgang mit Diskriminierung im Fußball“ besprechen und organisieren. Aus diesem Kreis heraus entstanden zuletzt Gedenkstättenfahrten unter anderem nach Dachau oder nach Bergen-Belsen, in die auch Bundesliga-Spieler eingespannt wurden. Als die Gruppe „Hooligans gegen Salafisten“ in Hannover demonstrieren wollte, organisierte der Verein eine Mahnwach am Stadion.
VfB Stuttgart
Die Entwicklung beim VfB hat eine Zeit gedauert, auch, weil es in Baden-Württemberg keine staatlich unterstützen Fan-Projekte gibt. Mittlerweile hat der VfB einen eigenen Jugendclub installiert, in dem präventiv Angebote gegen Extremismus geschaffen werden. Darüber hinaus soll ein „VfB Lernzentrum“ geschaffen werden: ein Ort im Stadion, an dem Schulungen, Kurse und Diskussionsgruppen zum Thema politische Bildung Platz finden.
Hertha BSC
Als einziger Verein ließ Hertha BSC sämtlich GA-Anfragen unbeantwortet. Online-Recherche ergab, dass der Verein in jüngster Vergangenheit in Zusammenarbeit mit der Berliner Polizei und einem Fanclub U18-Bildungsreisen nach Auschwitz angeboten hat.
Hamburger SV
Auch in Hamburg ist Dachau das Ziel einer Bildungsreise für unter 18-Jährige im Rahmen des HSV-Auswärtsspiel bei Bayern München. Darüber hinaus gibt es die Aktionstage „Tag für Vielfalt“ bei HSV-Heimspielen und auch in Hamburg wird mit der Kampagne „Das sieht verboten aus“ auf rechte Symboliken und Zeichen aufmerk gemacht. In der aktuellen Flüchtlingsthematik lädt der HSV Menschen zu Heimspielen ein und trat als Co-Organisator eines großen Fußballturniers für Flüchtlinge in Hamburg auf.
FC Ingolstadt
Mit dem Projekt „Schanzer gegen Rassismus“ startete der Verein eine Kampagne gegen Rechts, nach ein eigener Spieler von Fans rassistisch beleidigt wurde. Der Fanbeauftragte Sebastian Wagner sagt aber auch: „In Ingolstadt ist Rechtsradikalismus im Stadion kein großes Thema. Da man jedoch aufmerksam sein muss, steht die Fanszene in stetigem Austausch mit dem Verein.“ Aktuell plane man die Einführung von Bildungsreisen, beispielsweise ins jüdische Museum München.
Darmstadt 98
Die Fanszene des Aufsteigers gilt als linksorientiert, größere Probleme mit Rassismus gibt es bei dem Traditionsverein daher schon lange nicht mehr. „Allein von dieser Ausgangslage her nimmt das Thema Rechtsradikalismus einen hohen Stellenwert in der Fanarbeit ein“, erklärt Sprecher Tom Lucka. Mit der Kampagne „Im Zeichen der Lilie“ werden soziale Einrichtungen unterstützt, jüngst organisierte der Verein einen wöchentlichen „Flüchtlings-Kick“, bei dem junge Flüchtlinge zum Fußballspielen eingeladen werden. Außerdem sammelte der Verein gemeinsam mit dem Darmstädter Fan-Projekt Kleiderspenden für Flüchtlingsheime.
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Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit im Vernichtungslager Belzec.

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Redakteurin beim General-Anzeiger Bonn
Johanna Heinz ist seit Dezember 2015 Online-Redakteurin. Davor hat sie zwei Jahre lang in der Lokalredaktion Bonn gearbeitet. Liebt Kaffee, Bücher und gute Geschichten – egal ob gedruckt, gepostet, getwittert oder gefilmt.

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AFP (Titelfoto), Clemens Boisserée

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