Räumungsverkauf

Bonner Geschäfte auf der Kippe

Verhandlungen laufen

„Wir schließen“ leuchtet es in großen roten Lettern von der Fensterscheibe des Geschäftes Kult in der Wenzelgasse. „Räumungsverkauf! Bis zu 70 Prozent“, steht dort. Das beliebte Modegeschäft schließt seine Filiale in der Innenstadt. Nach GA-Informationen läuft der Mietvertrag im Juni dieses Jahres aus. Ein anderes Ladenlokal ist bislang noch nicht gefunden. Einen neuen Pächter gibt es allerdings auch noch nicht.

Von dem auslaufenden Vertrag ist auch Butlers betroffen. Die Filiale der Kette für Wohnaccessoires und Dekorationsartikel teilt sich mit Kult die Räumlichkeiten. Die Zweigstelle in der Wenzelgasse will das Kölner Unternehmen jedoch nicht so schnell aufgeben. „Wir würden den Standort sehr gerne halten und stecken daher gerade mitten in den Verhandlungen mit den Vermietern“, sagt Butlers-Pressesprecherin Bianca Kaufmann auf GA-Anfrage. Die Verhandlungen würden direkt mit dem Vermieter geführt, unabhängig von Kult. Als deren Untermieter gestalten sich die Verhandlungen wohl nicht einfach.

Reportage: Der Bonner Einzelhandel in der Krise?
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Verschlossene Türen

„Es wäre schön, wenn Butlers bleiben würde und den Vertrag verlängern kann. In Bonn sind Großflächen wie zum Beispiel bei Bouvier aktuell nicht gefragt“, so Günter Udelhofen, Geschäftsführer von City-Marketing. „Leerstand gerade am Eingang zu Bonn ist natürlich nicht schön. Bei Flächen von 60 Quadratmetern ist die Vermittlung viel leichter. Auf der Sternstraße geben sich die Interessenten die Klinke in die Hand.“

Während Butlers eine weitere Filiale in Der Sürst betreibt und Hoffnungen auf die Verlängerung des Mietvertrags hegt, ist für das Modehaus Mexx in der Marktbrücke in Bonn vorerst  Schluss. Im Dezember vergangenen Jahres kündigte das Unternehmen mit mehr als 30 Filialen Insolvenz an. Eine Tochter des türkischen Textilkonzerns Eroglu hat die Markenrechte gekauft. Nun sollen rund 15 Geschäfte gerettet werden. Bei der Bonner Zweigstelle bleiben die Türen jedoch vorerst verschlossen. „Dass jetzt gerade ein paar Ketten schließen, ist ein Zufall. Das hat nichts mit Bonn zu tun“, so Udelhofen.

Diese Geschäfte verschwinden aus der Bonner City

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Übermächtige Konkurrenz

Doch auch traditionelle Bonner Geschäfte müssen sich dem aktuellen Markt beugen. Im Sommer 2013 schloss die Universitätsbuchhandlung Bouvier. Nach 185 Jahren. Wegen des Branchenumbruchs, hieß es damals.

2004 hatte die Schweizer Kette Thalia das Traditionsgeschäft vor der Insolvenz bewahrt, es dann aber nicht halten können. Der Tochter des Douglas-Konzerns, die auch das Metropol betreibt, geht es trotz der übermächtigen Online-Konkurrenz aus den USA noch gut. „Thalia ist gut aufgestellt und alles andere als eine Problemsparte. Operativ hat Thalia immer Geld verdient. Und mittlerweile ist auch die Profitabilität wieder auf einem Niveau, wo das Geschäft Spaß macht“, sagte Henning Kreke, Chef der Douglas-Holding.  Lydia Yawson, Inhaberin der Buchhandlung Bukwoski, hat jedoch eine ganz andere Erfahrung gemacht. In ihrem Geschäft werden Remittende  zum halben Preis verkauft. Ein funktionierendes Konzept. Bislang.

„Durch Amazon sind meine Umsätze über die Jahre um 30 Prozent geschrumpft“, so Yawson. Während samstags der Laden aus allen Nähten platzt, ist in der Woche tote Hose angesagt. „Dann sitzen die Menschen auf der Couch und bestellen lieber im Internet.“ Die Inhaberin schließt ihre Buchhandlung in der Wenzelgasse im Sommer. Im 13. Jahr ist vorerst Schluss. „Es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Der Mietvertrag läuft Ende Juni aus. Der Standplatz ist auch nicht so gut. Ich verdiene hier zu wenig Geld“, so Yawson.

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Steigende Mietpreise

Von der übermächtigen Konkurrenz aus den USA können auch andere Unternehmen ein Lied singen. Mit J.F. Carthaus verschwindet im Sommer ein weiteres traditionsreiches Geschäft aus dem Bonner Stadtbild. Das Fachgeschäft für Papier, Bürobedarf und Schreibwaren auf der Remigiusstraße blickt auf eine 160-jährige Geschichte zurück. Bis zuletzt hatte das Bonner Unternehmen viel investiert, um die Einzelhandelsparte zu retten. Laut Carthaus war auch hier der wachsende Onlinehandel ein Grund für den Rückzug.

Doch der Verkauf im Internet ist nur ein Grund. „Ich halte Bonn generell für ein schwieriges Pflaster“, erklärt Margit Coenen, die ihr Schuhgeschäft in der Acherstraße nach siebeneinhalb Jahren schließen musste. „Ich betreibe noch eine Filiale in Aachen. Deswegen habe ich den direkten Vergleich. Die Mieten sind in Bonn deutlich höher. Das ist aber nicht fair. Denn in Bonn ist es weitaus schwieriger, modische Artikel zu verkaufen“, sagt die Bundesstädterin. Zudem gibt es mit Landgraf und Ecco andere Schuhgeschäfte in der direkten Umgebung. „Wenn man so etwas Jahre gemacht hat, ist es immer schade, wenn man schließt“, sagt Coenen, die ihren Entschluss aber auch mit dem schlechten Wetter des Vorjahres begründet. „Die Mietpreise in der Fußgängerzone sind extrem hoch. Deswegen ist auch das oberste Gebot an die Vermieter ‘Lasst eure Mieter leben’. Fairness und Loyalität geht vor“, sagt Udelhofen. “Durch die hohen Preise wird das alles zu einem Einheitsbrei. Das geht auf Kosten der Vielfalt.“

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Eine mögliche Lösung

Viele Bonner Bürger ziehen zum Shoppen bereits Köln vor. Bonn und seine Geschäfte seien uninteressant geworden, heißt es in den sozialen Netzwerken. Und auch die Parksituation lasse in Bonn zu Wünschen übrig. Die Friedensplatzgarage ist aufgrund der Baustelle am Stadthaus stadteinwärts nur schwer zu erreichen, die Unigarage ist seit 2012 geschlossen und wird voraussichtlich erst 2018 wieder eröffnet. Ist Bonn wirklich so uninteressant? Das sieht der Geschäftsführer von City-Marketing anders. „Für mich gibt es keinen Grund, die Gondeln in Trauer zu kleiden. Bonn ist immer noch attraktiv“, sagt Udelhofen. „Von den zehn Handyläden in der Stadt sind neun weg. Dafür haben wie einen neuen Müsli- und einen Schmuckladen. Auf der Sternstraße macht ein hochkarätiges Modegeschäft auf. Das ist das richtige Signal.“

So haben sich Ketten wir Hollister, Tamaris und Hunkemöller in der Stadt erfolgreich etabliert. In das Gebäude, das bis Ende vergangenen Jahres das Café Göttlich beherbergte wird die Modekette Blue Tomato einziehen. “Das Geschäft für Freizeitmode wird uns gut tun. Wir müssen für die jungen Menschen in Bonn etwas tun, damit die jungen Leute in Bonn bleiben”, so Udelhofen.

Auch Uwe Stephan, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelverbandes Bonn/ Rhein Sieg sieht keinen Grund zur Panik. „Ich sehe keine Anzeichen für einen Ausverkauf in der Bonner Innenstadt. Es müssen Anstrengungen unternommen werden“, so Uwe Stephan. „Wir müssen in Bonn den Erlebniskauf mehr betonen. Und dann muss man wieder mehr auf Beratungsqualität setzen.“ Eine Praxis, die die finanzgebeutelte Warenhaus-Kette Karstadt infrage stellte, als sie Anfang des Jahres plante, beratende Verkaufsmitarbeiter zu niedriger entlohnten Regalbestückern umzugruppieren. Diese Idee wurde mittlerweile verworfen.

Das gesamte Interview mit Uwe Stephan, Geschäftsführer des Einzelhandelsverband Bonn.
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Simon Bartsch
Simon Bartsch
Volontär beim General-Anzeiger Bonn
Seit 2004 journalistisch tätig, seit 2013 für den GA. Schreibt hauptsächlich über Sport und Lokales. Außerdem Autor der Romane “Entschuldigung? Ich bräuchte mal Ihr Kind!” und "Wie ich aus Versehen eine Bank ausraubte".

Fotos:

Simon Bartsch

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Nicolas Ottersbach, Clemens Boisserée, Simon Bartsch und Christopher Braune

Konzeption, Design und Programmierung:

Clemens Boisserée