Ne superjeile Zick

Flüchtlinge beim Brings-Konzert in der Rheinaue

Auf dem Hof der Ermekeilkaserne steht ein Bus der Stadtwerke Bonn. In ihm sitzen rund 60 Flüchtlinge aus den verschiedensten Teilen der Welt – unter anderem aus Nigeria, Syrien und Albanien. Die Stimmung? Ausgelassen, vielleicht erwartungsvoll. Der Bus ist nicht angekommen, er fährt jeden Moment los. In die Rheinaue. Dort tritt am Abend die Kölsch-Rock-Band Brings auf, die den Flüchtlingen einen besonderen Abend ermöglichen will. „Ich wohne ja in der Nähe der Kaserne. In der Nachbarschaft gibt es schon unterschwelligen Widerstand. Und das kann in einer Stadt wie Bonn mit so vielen gebildeten Mensch einfach nicht sein“, sagt Chris Blüm, Schlagzeuger von Brings. „Deswegen wollten wir ein Zeichen für die Menschen setzen und haben die Flüchtlinge eingeladen.“

Wir wollen ein Zeichen für die Menschen setzen und haben die Flüchtlinge eingeladen. Chris Blüm

Seit drei Wochen leben rund 100 Flüchtlinge in der ehemaligen Kaserne, weitere sollen schon bald folgen. Das Gebäude dient als Notunterkunft, unter anderem von ehrenamtlichen Helfern des Deutschen Roten Kreuzes auf Vordermann gebracht. Viele der Menschen hier werden schon bald in andere Kommunen im ganzen Land verteilt. Mit Plakaten in unterschiedlichen Sprachen wurden die Menschen auf das Angebot der Band aufmerksam gemacht, die Mitarbeiter des Heims übersetzten zusätzlich. Drei Stunden Kölsch-Rock – für die Flüchtlinge, aber auch für die ehrenamtlichen Helfer des Deutschen Roten Kreuzes und fest angestellten Mitarbeiter der Unterkunft eine willkommene Abwechslung. 

Video: Ne superjeile Zick in der Rheinaue

Herzlich willkommen

„Be a good boy“, gibt ein Sicherheitsmann Oppony aus Ghana mit auf den Weg. Der 23-Jährige reagiert mit einem ansteckenden Lächeln und steigt fröhlich ein. Als der Nachzügler im Bus sitzt, kann es endlich losgehen. Die Fahrt in die Rheinaue dauert keine zehn Minuten, für die Flüchtlinge dennoch genug Zeit, sich in Stimmung zu bringen. Eine Gruppe junger Männer aus Syrien singt und klatscht. Einige Westafrikaner lassen sich anstecken, auch wenn sie die Sprache nicht verstehen. Das wird ihnen in den kommenden Stunden bei der kölschen Musik nicht anders ergehen.

Chris Blüm und Stephan Brings, Bassist der Band, begrüßen die Flüchtlinge in der Rheinaue anschließend persönlich. „Die Menschen sollen an diesem Abend einfach sehen, dass für sie auch einige Türen offen stehen“, so Brings. „Man kann sich das hier ja gar nicht richtig vorstellen. Die leben in ständiger Angst. Wenn ich Angst oder Hunger hätte, würde ich auch fliehen“, so Brings. Die beiden Musiker führen die Gruppe über die Ludwig-Erhard-Allee auf das Gelände, auf dem Brings an diesem Freitag das Warm-up für die Bonn-Olé-Veranstaltung am Samstag geben. „Welcome to hell“, ruft ein Schwarzhändler der Gruppe zu. In die Hölle geht es für die Flüchtlinge wahrlich nicht. Ganz im Gegenteil: Brings haben es sich nicht nehmen lassen, die Flüchtlinge sogar in den VIP-Bereich einzuladen. Neben kölschem Rock gibt es Speisen und Getränke. „Das ist doch eine tolle Geste“, sagt Volker, ein Gast im VIP-Bereich. „Es zeigt einfach, dass jeder etwas tun kann.“

Rassismus ist nicht nur ein Ostproblem Stephan Brings

Die jungen Menschen genießen das Angebot der Band sichtlich. Schon bei der Vorgruppe „Querbeat“ wird getanzt, geklatscht, ja sogar geschunkelt. Und das nicht nur unter den Flüchtlingen. Sie haken sich bei den freiwilligen Mitarbeitern des DRK ein, manche suchen sogar erfolgreich den Kontakt zu den Bonner VIPs. Auch Ahmed aus Ghana ist von dem Abend vollkommen begeistert.

  • Schon auf der Hinfahrt war die Stimmung ausgelassen.

Gefährliche Reise

Dass er das Konzert gemeinsam mit seinem Bruder Andy erleben kann, ist nicht selbstverständlich. Er habe in Ghana als Freiwilliger bei Wahlen geholfen und wurde gezwungen, diese zu manipulieren. Daher musste er fliehen. Mit einem Boot sollte er eigentlich von Libyen nach Sizilien übersetzen. Der Kutter mit 180 Personen sank, er wurde von Frontex aus dem Wasser gezogen und gerettet. Über Italien ging es nach München, dann nach Dortmund und vor drei Wochen landete er in Bonn. „Wissen Sie, ob ich in Deutschland bleiben darf?“, will er wissen. Denn die Unsicherheit sei das Schlimmste für ihn. Für einen dauerhaften Aufenthalt wolle er alles tun: Deutsch lernen, die Schule besuchen und einen einfachen, aber sicheren Job nehmen.

Willkommen in Deutschland. Ich bin froh, dass ihr da seid Peter Brings

Mittlerweile steht Brings auf der Bühne. Frontmann Peter Brings begrüßt die Flüchtlinge: „Willkommen in Deutschland. Ich bin froh, dass ihr da seid“, ruft er. Auch Felix aus Nigeria ist froh, in Deutschland zu sein. Eine lange Narbe ziert seinen Arm. „Von Boko Haram“, sagt er. „Mein Vater wurde von denen getötet.“ Mit der Hand deutet er an, dass er geköpft wurde. In seinem Beisein. Ausgerechnet jetzt spielt die Band ihren Erfolgshit „Su lang mer noch am Lääve sin“. Felix versteht den Text nicht, trotzdem rollen Tränen über sein Gesicht. „Über die Vergangenheit will ich nicht mehr nachdenken“, sagt er. „Für mich zählt nur noch die Zukunft.“ Er hat Hoffnung. Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland. Er hat sich in Bonn mit Gerold, Redis und Maksim aus Albanien angefreundet. „Das ist jetzt meine Familie“, sagt er. Redis kam mit dem Flugzeug nach Deutschland. Seine Reise verlief deutlich unspektakulärer als die von Felix. Seine Beweggrund für die Flucht ist ein besseres Leben in Deutschland. Von den Übergriffen in Heidenau hat er natürlich gehört. Und auch der grausame Fund von mehr als 70 Leichen in einem LKW in Wien beschäftigt den Albaner. „Die Menschen hier in Bonn sind sehr gut zu uns“, sagt er. „Hier wird so etwas nicht passieren.“ Ganz so einfach schätzt Stephan Brings die Situation nicht ein. „Das ist nicht nur ein Ostproblem“, so Brings. „In Dortmund gibt es auch einen harten Kern Rechtsradikaler. Und Dortmund liegt verdammt nah am Rheinland.“ Redis fühlt sich in Bonn jedenfalls wohl. „Wir spielen Fußball und Basketball“, sagt er. „Manchmal gehen wir am Wochenende auch einfach nur aus.“ Doch dieser Abend ist noch einmal eine besondere Abwechslung für ihn.

Video: Das komplette Gespräch mit Stephan Brings

Schon bald ne kölsche Jung?

Als die Band „Superjeilezick“ anstimmt, ist die Gruppe außer sich. Auch Oppony tanzt. Alleine. Er hat noch keinen Anschluss gefunden. „Für mich ist es nicht einfach, Freunde zu finden“, sagt er. Auch er mag über seine Vergangenheit nicht viel reden. Wenn er spricht, lächelt er, obwohl zu sehen ist, dass er mit den Tränen kämpft. Als er von seiner langen Flucht aus Ghana berichtet, schluckt er. Dann bricht er ab. Oppuny widmet sich lieber der Musik und lächelt wieder. „Die ist super“, sagt er. Ihn verwundert  nur  die „komische Viereck-Kleidung“, die die Band trägt. „So etwas würde ich nicht anziehen“, sagt er.
Nach knapp drei Stunden endet das Konzert der kölschen Band und damit auch der Ausflug der Flüchtlinge. Zu Polka Polka Polka liegen sich die Flüchtlinge noch einmal in den Armen. Mit dem Bus geht es anschließend wieder zurück in die Ermekeilkaserne. Bei dem ein oder anderen hat sich der Refraingesang vom „Kölsche Jung“ eingebrannt. Auch, weil eine Gruppe von jungen Bonnern die Abfahrt des Busses fröhlich mit dem typischen Gesang begleitet. Bis zur Ermekeilkaserne wird die Melodie noch gesummt. „Das war doch für die Flüchtlinge mal eine schöne Abwechslung“, sagt DRK-Kreisbereitschaftsleiter Peter Winter erleichtert. Und nicht nur das: Für die nun doch müden Menschen war es einfach „’ne superjeile Zick“.

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Simon Bartsch
Simon Bartsch
Volontär beim General-Anzeiger Bonn
Seit 2004 journalistisch tätig, seit 2013 für den GA. Schreibt hauptsächlich über Sport und Lokales. Außerdem Autor der Romane “Entschuldigung? Ich bräuchte mal Ihr Kind!” und "Wie ich aus Versehen eine Bank ausraubte".

Fotos:

Nicolas Ottersbach

Video:

Simon Bartsch und Nicolas Ottersbach

Konzeption, Design und Programmierung:

Clemens Boisserée

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