Politische Anfänger

Neulinge im Bonner Stadtrat

Augenringe, fahles Gesicht. Tim Achtermeyer sieht müde aus. Es ist ein Dienstag Anfang November. Am Wochenende hat er viel zu verlieren. Und das gleich an zwei Fronten. „Ich habe das Gefühl, ich verbringe mehr Zeit hier als zu Hause“, sagte er. Hier, das sind die Fraktionsräume der Grünen im schmucklosen Nebengebäude des Alten Rathauses. Vielleicht sind es auch nur die Neonröhren, die ein fades Licht auf ihn werfen, das Novemberwetter vor den Fenstern, die grauen Tische.

21 Jahre ist der junge Mann im Kapuzenpulli alt. Seit dem 23. Juni sitzt der Student im Bonner Stadtrat. Achtermeyer ist das jüngste Ratsmitglied, überhaupt sind nur vier der 86 Stadtverordneten unter 30.
Monatelang haben Achtermeyer und seine 16 Fraktionskollegen mit CDU und FDP verhandelt. Jetzt steht der Koalitionsvertrag. An jenem Samstag stimmt die Basis über das 50-seitige Werk ab. Achtermeyer wird nicht dabei sein. Er will sich bei der Landesmitgliederversammlung in Gelsenkirchen in den Vorstand der Grünen Jugend NRW wählen lassen.

Tim Achtermeyer im Büro der Grünen-Fraktion.

Tim Achtermeyer im Büro der Grünen-Fraktion.

In der Fraktion gab es ein Patt bei der Abstimmung über die Jamaika-Koalition. Achtermeyer hat für den Vertrag gestimmt, das nehmen ihm gerade bei den jungen Grünen viele übel. „Ich bekomme Anrufe, Mails, SMS: ‚Was ist da los?‘. Ich sitze zwischen den Stühlen.“ Die Mittlerposition zwischen Fraktion und Jugendorganisation, das sei Teil seiner Aufgabe, sagt er. „Es nervt nur, wenn es mitten in der Nacht passiert.“

15 Stunden, so schätzt Achtermeyer, bringt er in der Woche für seine Arbeit in der Fraktion auf. Daneben das Politikstudium. „Mein Privatleben muss ich mir in den Terminkalender schreiben“, sagt er und lacht. An beiden Fronten zumindest siegt er: Die Mehrheit der Basis gibt der Jamaika-Koalition am 8. November ihren Segen. Und Achtermeyer wird in den Vorstand der Grünen Jugend NRW gewählt.

Wie am ersten Schultag

86 Stadtverordnete sitzen im Bonner Rat, mehr als jemals zuvor (siehe Infokasten). 36 von ihnen sind im Juni vor einem Jahr neu in das kommunalpolitische Gremium eingezogen. „Sie werden, so hoffe ich, eine realistische Vorstellung von den kommenden sechs Jahren haben und von der harten Arbeit, die Sie hier erwartet“, hat sich Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch bei der konstituierenden Ratssitzung an die Neulinge gewandt. „Sie, liebe Stadtratsmitglieder, werden weder einen eigenen Arbeitsplatz haben noch eine Sekretärin, noch einen Dienstwagen oder andere Statussymbole, die der Politik nachgesagt werden. Sie werden mehr Sitzungswochen haben als irgendein Parlament auf Landes- oder Bundesebene und sich daran gewöhnen müssen, dass unübersehbar viele Vereine und Initiativen Sie auch am Abend befragen und am Wochenende sehen wollen.“

Stadthaus, 23. Juni 2014. Rundherum Holzvertäfelung. Die Luft ist stickig, die Zuhörer-Tribüne, auf der an normalen Sitzungstagen gerade mal ein paar Bürger und Journalisten Platz nehmen, ist überfüllt. Um die 86 Ratsmitglieder und ihre schmalen Pulte unterzubringen, wurde jeder Meter des Ratssaales ausgenutzt. Alle wuseln auf ihren Plätzen. Erster-Schultag-Stimmung.   „Die Piraten nebenan machen einen sympathischen Eindruck, die Grünen unterhalten sich lautstark untereinander, die männerlastige CDU ist ein beeindruckender grauer Anzugblock“, so beschreibt Fenja Wittneven-Welter ihre ersten Beobachtungen als Stadtverordnete im Ratssaal. 45 Jahre alt ist die Frau mit den blonden, schulterlangen, leicht gelockten Haaren, Angestellte bei der Akademie für internationale Bildung, die Auslandsstudienprogramme für amerikanische Studenten organisiert. Sie wohnt in Ramersdorf und ist über die SPD-Liste in den Rat eingezogen. „In diesem Moment schaust du dich um und fragst dich: Mit wem werde ich etwas zu tun haben?“

Die Cliquen auf diesem Schulhof stehen fest, das Parteibuch entscheidet, wer wohin gehört. Doch einige Neue sind auch mit der Mission angetreten, über die Parteigrenzen hinweg sachlich und gut miteinander auszukommen. „Durch den Bau des WCCB sind viele Tischtücher zerschnitten worden, Fronten verhärtet“, sagt Wittneven-Welter. „Ich habe das Gefühl, gerade auf höherer Ebene sprechen einige gar nicht mehr miteinander. Ich wünsche mir, dass neue Kontakte geknüpft werden.“

Ich hatte Angst, in ein Loch zu fallen, deswegen habe ich mich entschieden, für die CDU zu kandidieren Jürgen Wehlus, Stadtverordneter (CDU)

Der Oberbürgermeister trägt die schwere, goldene Amtskette, alle Ratsmitglieder haben sich formell schick gemacht. Die Verpflichtung wird im Chor gesprochen, „nach bestem Wissen und Gewissen und zum Wohl der Stadt“. Jürgen Wehlus sitzt in der vorletzten Reihe am äußeren Rand des CDU-Blocks. Der 62-jährige Angestellte beim Verband Deutscher Kühlhäuser ist als Direktkandidat für Auerberg und Graurheindorf gewählt worden. Im Februar 2015 wird er nach 45 Jahren aktivem Dienst aus der Freiwilligen Feuerwehr verabschiedet. Zeitgleich wird Wehlus in den Ruhestand gehen. „Ich hatte Angst, in ein Loch zu fallen, deswegen habe ich mich entschieden, für die CDU zu kandidieren“, sagt er. „Und, weil ich gerne mein Wissen und meine Fähigkeiten einbringen will.“

Gleich in seiner ersten Ratssitzung muss eine richtungsweisende Entscheidung getroffen werden, „eine Bürde“, wie Wehlus es ausdrückt: Die Stadtverwaltung möchte das Areal südlich der Beethovenhalle für das umstrittene neue Beethoven-Festspielhaus zur Verfügung stellen, es wird namentlich abgestimmt. „Dass ich plötzlich auch über Dinge entscheiden muss, die weit über mein Wirkungsfeld auf dem Auerberg und meine Expertisengebiete hinausgehen, daran hatte ich nicht gedacht“, hat er wenige Tage vor der konstituierenden Sitzung gesagt. Und, dass er sich mit der Entscheidung zum Festspielhaus schwertue. Am Ende stimmen CDU, SPD, FDP und Bürger Bund Bonn geschlossen für den Verwaltungsvorschlag. Das letzte Wort ist damit nicht gesprochen.

Strategien für Schnaps

Nach der konstituierenden Sitzung folgt erst mal die sommerliche Sitzungspause. Es ist Anfang September. Am Freitag ist Jürgen Wehlus – Meckischnitt, Karohemd, Weste – aus dem 14-tägigen Urlaub im niederländischen Zeeland („die kürzeste Verbindung zum Meer“) zurückgekommen. Auch dort war sein neues Amt präsent. „Abends liegt da das Ratstablet, das private Tablet und das Handy. Dann werden Mails geschickt, aus dem Fraktionsbüro werden Bürgerbriefe zu Umweltthemen, zu Auerberg und Rheindorf weitergeleitet, Anträge und Stellungnahmen der Verwaltung trudeln ein.“ Jeder Stadtverordnete bekommt ein Tablet gestellt, wenn er dafür komplett auf Papierunterlagen verzichtet. „Das Tolle an der neuen Technik ist, dass ich das alles direkt sukzessive abarbeiten kann“, sagt Wehlus. „Ich hatte mich schon vor den Papierstapeln gefürchtet.“ Doch die werden noch kommen.

Neben dem Rat, der mindestens alle zwei Monate zusammenkommt, meist aber häufiger, gibt es 42 weitere Gremien: Ausschüsse Bezirksvertretungen, Beiräte. 538 Stunden lang haben sie 2013 insgesamt getagt, dem letzten vollen Jahr ohne Sitzungspause durch die Kommunalwahl, 5479 Tagesordnungspunkte wurden behandelt. Die Ausschüsse und Unterausschüsse werden zu einem großen Teil mit Stadtverordneten besetzt.

„Die Vorsitze, aber auch die Sprecherposten der jeweiligen Parteien in den Ausschüssen sind sehr beliebt“, sagt Fenja Wittneven-Welter. Sie wird die Rolle der SPD-Sprecherin im Bürgerausschuss übernehmen. Auch im Sportausschuss wird sie sitzen, und in verschiedenen anderen Gremien als Stellvertreterin.

In dieser Manege mit gegnerischen Parteien und vielen alten Hasen muss man sich ein dickes Fell zulegen Fenja Wittneven-Welter, Stadtverodnete (SPD)

„Respekt“ habe sie vor der Rolle als Sprecherin, die im Normalfall für die Fraktion im jeweiligen Ausschuss das Wort ergreift, sagte sie im September vor der ersten Bürgerausschusssitzung. „Ich habe kein Problem, öffentlich zu sprechen. Aber in dieser Manege mit gegnerischen Parteien und vielen alten Hasen muss man sich ein dickes Fell zulegen.“ Wittneven-Welter ist gerne vorbereitet. Schon vor unserem ersten Treffen im Juni hat sie sich erkundigt, worum es denn genau gehen soll. „Als Sprecherin lief es gut, das hat mich motiviert, auch sonst häufiger das Wort zu ergreifen“, wird sie nach einem Jahr im Rat Bilanz ziehen.

In der Grünen-Fraktion kracht es. Die langjährige Fraktionssprecherin ist Ende Juni 2014 von ihrem Posten abgewählt worden. Die Partei habe, wie viele andere auch, einen Generationswechsel verschlafen, sagt Tim Achtermeyer. „Seit 30 Jahren besteht die Fraktion aus den gleichen Leuten, jetzt ist die Hälfte neu. Die Fraktion muss sich erst einmal finden, einige waren darauf nicht vorbereitet.“ Und seine Rolle als junger Neuling? „Sagen wir so: Ich bin keiner, der in der Ecke sitzt und seine Klappe hält“, sagt er und beweist es, indem er quer über die Tische vor dem Café Göttlich ruft. „Wir würden gerne zahlen!“.

Neben dem Einarbeiten in die Bürokratie, den wöchentlichen Fraktionssitzungen, Koalitions- und Positionstreffen, dem Taktieren um die Posten stellt das Amt die Neulinge auch vor ganz andere Probleme. „Bei Sommerfesten, Vereinsjubiläen und Ähnlichem merkt man, dass man eine andere Rolle einnimmt. Links steht die Prominenz, vorher stand man rechts, jetzt steht man auf der anderen Seite, ist unter Beobachtung, muss immer ein paar Worte parat haben“, sagt Wehlus. Da braucht es Strategien, zum Beispiel fürs Schnapstrinken. Am Wochenende war Graurheindorfer Kirmes. Montags gibt es immer einen Rundgang über das Gelände. „Und jeder will mit dir einen Gebrannten trinken.“ Er habe das vorher mit seiner Frau genau durchgesprochen. „Nach dem vierten Gebrannten brauchst du erstmal eine Wurst, dann wird Cola getrunken, dann Reibekuchen.“ Schließlich wolle er nicht unhöflich sein, aber auch nicht derjenige, von dem die Leute sagen: Guckt mal, das ist der Stadtverordnete, der sich sieben Gebrannte reingestellt und dann danebenbenommen hat.

Zwei Wochen zuvor war in Oberkassel Kirmes. Fenja Wittneven-Welter hat kurzfristig erfahren, dass sie beim Umzug der Schützenbruderschaft mitlaufen wird. Aber was zieht man da an? Die Männer tragen Anzüge, die Schützenkönigin ein festliches Kleid. „Ich habe mich für einen Hosenanzug in gedeckten Farben entschieden, ich glaube, das hat gepasst.“ Und der evangelische Pfarrer hat ihr gezeigt, wie man richtig läuft, zum Takt der Musik.

Sechs Kilo Haushalt

letzte Ratssitzung vor der Wahl Foto: Barbara FRommann

Warum ist der aktuelle Rat so groß?

In Bonn ist eigentlich die Wahl von 66 Stadtverordneten vorgesehen. Diesen Richtwert sieht das nordrhein-westfälische Kommunalwahlrecht für Kommunen mit über 250.000 und bis 400.000 Einwohner vor. 33 davon werden in den Wahlbezirken direkt gewählt. Die restlichen 33 kommen über die Reservelisten der Parteien. Doch der aktuelle Bonner Rat zählt 86 Mandatsträger – so viele wie nie zuvor.

Grund dafür sind Überhangmandate. Gewinnt eine Partei in den Wahlbezirken mehr Mandate, als ihr nach dem Verhältnisausgleich zustehen, verbleiben diese Sitze bei der Partei. Der Rat muss aber auch das Wahlergebnis der Parteien widerspiegeln. Die übrigen Parteien erhalten also Ausgleichsmandate, was die Zahl der Ratsmitglieder insgesamt deutlich erhöht.

Eine Fünf-Prozent-Klausel wurde außerdem 1999 in NRW gerichtlich abgeschafft, so dass zehn Parteien in den Rat eingezogen sind.

Die Zahl der Vertreter kann bis 15 Monate vor Ablauf einer Wahlperiode durch Satzung, die der Stadtrat beschließt, um bis zu sechs, davon drei in den Wahlbezirken, für die kommende Wahlperiode verringert werden.

  Winston Churchill soll einmal einem jungen Politiker den spöttischen Rat gegeben haben: „Immer vom Sparen reden, aber nie sagen, wo.“ So jedenfalls wusste der CDU-Politiker und ehemalige Stuttgarter Bürgermeister Manfred Rommel zu berichten. Diesen Luxus können sich die Bonner Stadtverordneten nicht leisten. Der Doppelhaushalt 2015/16 muss beschlossen werden. Die Stadtverwaltung hat Sparvorschläge gemacht, um Bonn vor noch höherer Verschuldung zu bewahren, darunter die Schließung von Schwimmbädern und einiger Stadtbibliotheken, eine Grundsteuererhöhung.         November. Auf dem Schreibtisch in Jürgen Wehlus Auerberger Einfamilienhaus liegen die Unterlagen, mit Haftnotizen gespickt. 6,3 Kilo sei der städtische Haushalt schwer, sagt er. Er hat ihn gewogen. Wehlus arbeitet vor allem die Themen durch, mit denen er sich auskennt, aus seinem Wahlbezirk und dem Themengebiet Umwelt, bevor die Partei sich in die Haushaltsklausur zurückzieht. „Du musst dich auf das Wissen der Kollegen verlassen können. Und das kannst du auch“, sagt Fenja Wittneven-Welter.     Keine populären Entscheidungen, die da zu fällen sind. Beispiel Bibliotheken: Tim Achtermeyer hat gemeinsam mit einer Fraktionskollegin ein eigenes Konzept entwickelt. An den Standorten Endenich, Dottendorf und Auerberg soll Personal gekürzt und durch ehrenamtliches Engagement ersetzt werden. Die Bibliothek Beuel-Ost soll schließen. Achtermeyer prescht außerdem mit dem Vorschlag vor, die Beueler Bibliothek aus dem Brückenforum ins Rathaus zu verlegen. Der Prostet der Bürger ist groß. „Etwas merkwürdig fühlt sich das schon an, wenn eine Mutter vor dem Ratsaal zu ihrem Kind sagt: ‚Guck mal, das ist der Tim Achtermeyer. Jetzt musst du ganz laut pfeifen'“. Zwar wird Achtermeyers Konzept in den Beschlüssen der Ratsmehrheit zum Haushalt Anfang Mai nicht eins zu eins umgesetzt. „Das mag vielleicht verrückt klingen, aber für mich war die Debatte um die Bibliotheken auch der Höhepunkt dieses ersten Jahres“, sagt er später trotzdem. „Ich bin so tief ins Thema eingestiegen, habe alle Zahlen nachgerechnet, eine eigene Lösung gestaltet. Das hat sehr viel Spaß gemacht.“       Auf der anderen Seite einer Demo zu stehen, das sei auch für ihn ein ungewöhnliches Gefühl gewesen, sagt Jürgen Wehlus. Im Haus Müllestumpe hat er Ende Mai Bürger zur Sprechstunde eingeladen. „Aber auf deine Entscheidungsfindung macht das gar keinen Eindruck.“ Er engagiert sich trotz Sparkurs für den Erhalt der Auerberger Bibliothek, wenn auch in abgespeckter Form. „Vom Förderverein bekomme ich dann bitterböse Anrufe: Ich würde mich nicht zu 100 Prozent für die Bibliothek einsetzen“, erzählt er. „Aber dann kommt der nächste und fordert diesen 100 Prozent Einsatz für sein Thema und der nächste für seines. Da wären wir schon bei 300 Prozent. Das kann ich nicht leisten.“  

Jürgen Wehlus geht in seinem Arbeitszimmer die Unterlagen zum Haushalt durch.

Jürgen Wehlus geht in seinem Arbeitszimmer die Unterlagen zum Haushalt durch.

Der stellvertretende CDU-Chef Christoph Jansen ist zur Bürgersprechstunde gekommen, ein halbes Dutzend Mitstreiter aus dem Ortsverband, eine Handvoll Bürger. Sie haben Sorge, dass Auerberg sich zum sozialen Brennpunkt entwickelt, dass die Schrebergärten vermüllen, dass Graurheindorf im Verkehr erstickt. Um sich in der Fraktion mehr Gehör zu verschaffen und damit der Bonner Norden nicht vergessen wird, habe er sich mit den beiden CDU-Stadtverordneten für Dransdorf und Neu-Tannenbusch zu einer Allianz zusammengetan, erzählt Wehlus, beide Neulinge wie er. Generell sei die Stimmung in der CDU-Fraktion aber sehr harmonisch, sagt er. „Es gibt deutlich weniger Hickhack, als ich mir vorgestellt hatte.“   Nur einen parteiinternen Paten, den hätte er sich für sein erstes Jahr im Rat gewünscht. Von der Stadtverwaltung fühlt er sich ausgebremst. „Ich habe das Gefühl, die wollen uns oft gar nicht im Boot haben.“ Und dass die Entscheidungsprozesse in den politischen Gremien und in Wechselwirkung mit der Verwaltung so lange dauerten, „ich komme aus der Feuerwehr, da sind schnelle Entscheidungen gefragt, daran werde ich mich also nie gewöhnen.“

Ehrenamt mit schlechtem Ruf

Zwei Dinge haben Fenja Wittneven-Welter bewogen, für den Rat zu kandidieren. Sie erhoffe sich, besser über vieles, was in dieser Stadt läuft, informiert zu sein, hat sie vor der ersten Sitzung im Juni 2014 gesagt. Es sei tatsächlich ein gutes Gefühl, zu wissen, wen man anrufen muss, wenn etwas nicht rund läuft, sagt sie ein Jahr später, nicht nur bei den Fachpolitikern, sondern auch in der Verwaltung. Und sie werde dort auch gehört. „Das bringt die Position einfach mit sich.“ Vielleicht auch, dass sie trotz Oppositionsbank das gleiche Parteibuch wie Verwaltungschef und Oberbürgermeister Nimptsch hat. Dass allerdings Anträge der Opposition im Rat häufig aus Prinzip abgelehnt würden, sei schon frustrierend.

Außerdem wollte Wittneven-Welter beweisen, dass es auch als berufstätige Frau mit Kindern möglich ist, dieses Amt auszufüllen. „Es muss einfach möglich sein.“

 

Fenja Wittneven-Welter arbeitet gerne in ihrer Küche, weil sie dort etwas vom Familienleben mitbekommt.

Fenja Wittneven-Welter arbeitet gerne in ihrer Küche, weil sie dort etwas vom Familienleben mitbekommt.

Ein früher Abend im Mai. Wittneven-Welter sitzt in ihrer hellblauen Küche an der hellbraunen Mitteltheke, die voll mit Unterlagen ist. „Ich habe natürlich auch ein Arbeitszimmer, aber ich sitze oft hier, weil ich mittendrin bin, etwas vom Familienleben mitbekomme, von meinen Kindern“, sagte sie. Gleich muss sie zu einem Rundgang mit Bürgern zur Barrierefreiheit in Oberkassel. Morgen geht es ganz früh mit einer Gruppe amerikanischer Studenten nach Trier. „Wenn im Job viel zu tun ist, wird es eng.“ 10 und 14 Jahre sind ihre beiden Söhne alt. „Mit kleinen Kindern hätte ich das nicht gekonnt, auch nicht gewollt.“ Es funktioniere, weil ihr Mann sie sehr unterstütze, auch wenn er jeden Tag nach Wuppertal zum Arbeiten muss. Die Söhne seien sowieso viel unterwegs. „Und wenn es um politische Fragen geht, die sie betreffen, beispielsweise das Ennertbad oder ein Kunstrasen am Beueler Stadion, dann sind sie stolz, dass ihre Mutter da mitreden kann.“

347,50 Euro bekommen die Bonner Stadtverordneten pro Monat als Aufwandsentschädigung, 17,80 Euro gibt es pro Sitzung an Sitzungsgeld. Viele spenden einen Teil ihrer Partei. „Ich habe meinen Stundenlohn ausgerechnet: Er liegt bei 1,50 Euro“, sagt Achtermeyer bei einem Treffen scherzhaft. „Viele Bürger sehen einfach nicht, dass das ein Ehrenamt ist, was wir machen“, sagt Wittneven-Welter. „Ein Ehrenamt wie jedes andere, aber leider mit deutlich schlechterer Reputation.“

Unter Beobachtung

Vor ein paar Wochen war Tim Achtermeyer abends mit Freunden unterwegs. Als er nach Hause kam, hatte er eine Mail im Posteingang. „Ich finde es nicht gut, dass Sie und Ihre Freunde den Hofgarten verschmutzen.“ Was damit gemeint sei, wisse er nicht, sagt er. Wer sich ein Jahr lang im politischen Raum einer Stadt wie Bonn herumgetrieben hat, wird erkannt. Wenn Fenja Wittneven-Welter durch Oberkassel läuft, grüßt sie alle naselang. Früher sei sie manchmal das kleine Stück Radweg vor ihrem Haus in die entgegen gesetzte Fahrrichtung gefahren, gesteht sie. Das mache sie jetzt nicht mehr.

Ich will nicht, dass jeder weiß, wo ich wohne und bin froh, dass ich einen Freundeskreis unabhängig von der Politik habe Tim Achtermeyer , Stadtverodneter (Grüne)

Tim Achtermeyer will sein Privatleben strikt von der politischen Arbeit trennen. „Ich will nicht, dass jeder weiß, wo ich wohne und bin froh, dass ich einen Freundeskreis unabhängig von der Politik habe.“ Er genieße es auch, dass sein Freund in Köln wohnt. „Wenn mir da Leute entgegenkommen, denken sie vielleicht: ‚Was hat der denn für ’ne Sonnenbrille an?‘, und nicht: ‚Das ist doch der Tim Achtermeyer‘.“

Wie schon in der ersten Ratssitzung stand auch für gestern – knapp ein Jahr später – ursprünglich das Festspielhaus auf der Tagesordnung, die Gründung einer Betriebsstiftung soll beschlossen werden. CDU, SPD und FDP haben angekündigt, zuzustimmen. So hätte sich der Kreis schließen können. Doch dann am Dienstag die Nachricht: Die Post lässt das Projekt platzen. Festpielhaus-Gegner Achtermeyer frohlockt. Anders Wittneven-Welter. „Sehr schade, ich hätte das Festspielhaus sehr gerne mit beschlossen“. Nun müsse der Rat zusehen, findet Wehlus, wie das Jubiläumsjahr 2020 anders angemessen begangen werden könne.

Und im Jahr 2020?

Apropos 2020: Dann findet auch die nächste Kommunalwahl statt. „Vorsicht, die Sache bekommt leicht eine Eigendynamik“, hat Nimptsch bei der konstituierenden Sitzung gewarnt. „Aus sechs Jahren können leicht 30 werden und dies hier wird dann zu Ihrem zweiten Wohnzimmer.“ Sie habe vieles gelernt, viele interessante Menschen kennengelernt, sagt Fenja Wittneven-Welter. „Im Moment würde ich sagen: Ja, ich trete wieder an.“

Und Jürgen Wehlus? Der wäre zum Start der nächsten Ratsperiode 68 Jahre alt. „Am heutigen Dienstag, 16. Juni, um 15.10 Uhr sage ich: Ja, das kann ich mir vorstellen.“ Er wisse ja noch gar nicht, wo er in fünf Jahren sein werde, sagt Tim Achtermeyer. „Vielleicht wohne ich nicht mehr in Bonn.“ Zunächst sei ihm ein Mandat für sechs Jahre gegeben worden, das wolle er nun ausfüllen, so gut er es eben vermöge. Da spricht ein wahrer Politiker.

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Johanna Heinz
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Redakteurin beim General-Anzeiger Bonn
Johanna Heinz ist seit Dezember 2015 Online-Redakteurin. Davor hat sie zwei Jahre lang in der Lokalredaktion Bonn gearbeitet. Liebt Kaffee, Bücher und gute Geschichten – egal ob gedruckt, gepostet, getwittert oder gefilmt.

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Fotos:

Volker Lannert, Barbara Frommann, Horst Müller, Max Malsch

Konzeption, Design und Programmierung:

Clemens Boisserée

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