Abriss-Perspektiven

Das ehemalige Werk Andernach

Anblick

Stefani Andernach, Tochter des letzten Firmaninhabers.

Die Tochter des letzten Firmaninhabers.

Die Tochter beobachtet von einem Logenplatz aus, wie das Lebenswerk ihrer Ahnen zerstückelt wird. Ihr Vater, der letzte Inhaber der Firma A. W. Andernach, hat 1956 das Wohnhaus auf dem Hügel direkt neben dem Werksgelände an der Beueler Maarstraße bauen lassen, in dem sie aufgewachsen ist und seit 2003 mit ihrer Familie wieder wohnt. Alle Zimmer öffnen sich in einer langen, gewölbten Fensterfront zur Sonne hin – und in Richtung des einstigen Werksgeländes. Jetzt geben sie den Blick auf den Abriss frei.

„Natürlich ist es schmerzhaft, das alles jeden Tag mit anzusehen.“ Tochter des letzten Firmeninhabers

Vom Nachbargrundstück dringt das Brüllen der Bagger ins Wohnzimmer. 100 Jahre lang hat die Familie Andernach auf dem Werksgelände Dachbaustoffe produziert. 2003 ging das Traditionsunternehmen insolvent, wurde vom kanadischen Konzern Iko gekauft, das Werk 2008 schließlich stillgelegt. Das einstige Verwaltungsgebäude ist nur noch ein Haufen Schutt. Jetzt wird die ehemalige Produktionshalle abgerissen. „Natürlich ist es schmerzhaft, das alles jeden Tag mit anzusehen“, sagt sie. Ihren Namen möchte sie nicht in dieser Geschichte lesen.

Ein Bauzaun grenzt den Garten von der Baustelle ab. Dort liegt ein Haufen roter Ziegelsteine. Überbleibsel des ersten Schornsteins des AWA-Werks, der ein Jahrhundert lang das Bild des Beueler Industriegebiets prägte. Die Tochter des letzten Firmaninhabers hat das Abrissunternehmen um ein Stück des alten Gemäuers gebeten. „Als Andenken.“ Auch ein paar Scherben der markanten blauen Fliesen, die einst den Boden des väterlichen Büros bedeckten, hat sie sich durch den Zaun geangelt. Sie erinnert sich, wie sie als Kind auf dem Areal gespielt hat, wo jetzt die Bagger wüten, nur am Wochenende natürlich in der dann ruhenden Produktion. Mit Ameisen, wie die kleinen Hubwagen zur Beförderung von Paletten umgangssprachlich genannt werden, sind sie, ihre drei Geschwister und die beiden Vettern einst das abschüssige Gelände hinunter gesaust. „Hinten links wurden die LKW-Planen von einem Malermeister bemalt. Hinter seiner Werkstatt haben wir später heimlich geraucht.” Die zierliche 55 Jahre alte Frau, deren Strickpullover mit dem  Azurblau ihrer Augen korrespondiert, hat fast ihr gesamtes bisheriges Leben im Umkreis des Werkes verbracht.

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Wie ein junges Raubtier kämpft der Spezialbagger mit seiner großen Beute. Mühsam beißt er sich in den rostigen Metallkonstruktionen fest. Seit vergangenem Oktober ist das Kölner Abriss-Unternehmen Engel Umwelttechnik auf dem ehemaligen AWA-Gelände im Gewerbegebiet Beuel-Ost zugange. “Wir mussten zuerst die Altlasten entfernen, wie Teer und Bitumen, Produktionsabfälle oder Stoffe, die für die Produktion der Dachpappe gebraucht wurden”, sagt Geschäftsführer Markus Wolf. Nun müssen die Stahlkonstruktionen und riesigen Tanks zerkleinert werden, damit das Metall und die Reste der Produktionsstoffe abtransportiert werden können.

Noch zwei bis drei Wochen, schätzt Wolf, werden die Bagger mit den großen Metalltanks beschäftigt sein. Danach wird das noch stehende Gemäuer abgebrochen. Aus den zerkleinerten Baustoffen soll später das abschüssige Gelände zu einer ebenen Fläche aufgeschüttet werden. Bis September sollen der Abriss und das Herrichten der Fläche erledigt sein.

Video: Abriss einer Produktionshalle
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Manfred Rösner, ehemaliger Betriebsleiter des Werks, heute Iko-Mitarbeiter

Manfred Rösner, ehemaliger Betriebsleiter des Werks, heute Iko-Mitarbeiter

Rund 65.000 Quadratmeter umfasste das gesamte Gelände, als das Werk 2008 geschlossen wurde. Weit mehr als die Hälfte davon sei inzwischen verkauft, sagt Manfred Rösner. Der ehemalige Betriebsleiter des Werks arbeitet heute von Bonn aus für die Iko Services & Engineering GmbH, eine Tochterfirma des kanadischen Konzerns.

Ein Großteil des Geländes samt Hallen hat die Firma Nafab übernommen, die auf dem Areal zwischen Schwarzer Weg und Industriebahn Styropor produziert. Im Jahr 2011 wurde bereits ein Teil der Gebäude und Hallen auf dem Gelände zur Röhfeldstraße hin abgerissen. Auch auf dieser Seite der Maarstraße wurde ein guter Teil des Grundstücks verkauft. Einen Teil nutzt die Iko selbst, der Rest ist vermietet. Rund 8000 Quadratmeter an der Maarstraße 42 hat ein Beueler Autohändler gekauft. Sein Anfang 2012 eröffnetes, neu gebautes Autohaus ging allerdings bereits im Sommer 2014 insolvent.

Ehemaliges Werksgelände der A.W. Andernach

(für Informationen auf den jeweiligen Bereich klicken)

Iko Services & Engineering GmbH

Der kanadische Konzern Iko ist in Beuel noch mit der „Iko Services & Engineering GmbH“ vertreten. Fünf Mitarbeiter hat das hundertprozentige Tochterunternehmen des Konzerns, das Manfred Rösner, einst Betriebsleiter des Andernach-Werks, leitet.

Von Beuel aus werden allerdings nicht nur Verkauf und Vermietung des Geländes gesteuert. Rösner und seine Mitarbeiter begleiten Projekte in Werken des Mutterkonzerns, beispielsweise in Belgien, Polen oder der Slowakei. Dabei geht es zumeist um die Anschaffung von Sondermaschinen, die in dort benötigt werden.

In einer kleinen Werkshalle an der Maarstraße schrauben die Mitarbeiter auch selbst an einigen Prototypen. „Dachbaustoffe sind eine Nischenindustrie“, sagt Rösner. „Häufig müssen individuelle Lösungen her.“ Da bei A. W. Andernach traditionell eigene Maschinen entwickelt worden seien, habe sich der kanadische Konzern dieses Know-how nach der Schließung des Werks mit der kleinen Beueler Abteilung zunutze gemacht.

Ein Jahr lang hat Iko laut Rösner an einem Konzept für den verbleibenden Teil des Geländes an der Maarstraße 48 gearbeitet, der seit der Stilllegung 2008 fast vollständig brach liegt. Der Konzern, der Werke in Kanada, den USA und Europa betreibt, expandiere weiterhin. „Gerade erst wurden zwei neue Werke in den USA fertiggestellt.“ Die Frage, wie es mit der stillgelegten Produktionsstätte weitergehe, sei für Iko keine drängende. „Andere Dinge haben Priorität.“ In seien Augen, sagt Rösner, könne das aber auch eine Chance sein. „Wir können ganz in Ruhe und langfristig planen, wie es weitergehen soll.“

Das Grundstück, auf dem in den vergangenen Wochen das ehemalige Verwaltungsgebäude abgerissen wurde, soll verkauft werden. Interessenten gebe es schon, eine Entscheidung sei noch nicht gefallen, sagt Rösner. Die ehemalige Produktionshalle soll Platz machen für ein planes Areal, das als Lager- oder Parkfläche genutzt werden kann und rund herum eine Umfahrt für Lastwagen erhalten soll. Weil das Gelände in Richtung Königswinterer Straße abschüssig ist, soll das Abbruchmaterial genutzt werden, um eine ebene Fläche aufzuschütten. Die dahinterliegenden Hallen sollen stehen bleiben und vermietet werden. Gleiches gilt für das dort direkt an der Straße stehende kleine Verwaltungsgebäude. „Das ist komplett entkernt und soll saniert werden. Dabei könnten wir noch auf die Wünsche eines zukünftigen Mieters eingehen.“

„Die Bonner Wirtschaftsförderung begrüßt das Engagement der Iko Group, auch die Restflächen des AWA-Geländes an der Maarstraße für eine Nachfolgenutzung zu entwickeln“, kommentiert Stefan Sauerborn, Leiter des Service Center Wirtschaft der Stadt die Situation. Die vom Konzern vorgestellten Pläne zur Einrichtung einer Lagerfläche, insbesondere aber auch in Richtung eines Gewerbe- und Handwerkerhofes auf dem Areal der ehemaligen Produktionshalle würden bei der Stadt mit Blick auf die Bedarfs- und Nachfragesituation positiv bewertet, heißt es. Für das Grundstück des früheren Verwaltungsgebäudes schätze die städtische Wirtschaftsförderung die Chancen gut ein, dass Iko einen Käufer finde, „vorzugsweise aus dem klassischen handwerklichen oder produzierenden Bereich“.

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Rückblick

Im Dreikaiserjahr 1888 legte August Wilhelm Andernach an der Maarstraße in Beuel den Grundstein zu der „Mittelrheinischen Theerproducten- und Dachpappenfabrik A. W. Andernach“. Schnell expandierte die Firma, eröffnete Niederlassungen im französischen Calais und in Brüssel. Seit den 1920er Jahren leiteten in zweiter Generation die Söhne August Gerhard Andernach und Roland Edmund Andernach das Unternehmen. Bis zur dritten Generation entwickelt sich das Familienunternehmen zu einem der größten Industriebetriebe im Bonner Raum.

1934 vernichtete ein erster Großbrand das Werk – auch in den Jahren 1972 und 1995 wüteten wieder verheerende Feuer auf dem Gelände, die teilweise die Produktionsstätten gänzlich zerstörten. Alle drei Brände überstand der Familienbetrieb. 1949 wurde die Kennedybrücke mit AWA-Baustoffen isoliert. 1958 übernahm Gert Andernach, gemeinsam mit seinem Bruder Werner Wolfgang Andernach, die Firma. Weil er seinen grauen Arbeitskittel selten ablegte, und Müll aufsammelte, wenn er welchen auf dem Gelände sah, hätten ihn Unbeteiligt häufig für den Hausmeister gehalten“, erinnert sich seine Tochter.

Trotz des Erfolgs – in den 1980er Jahren beschäftigte das Unternehmen allein in Beuel mehr als 300 Mitarbeiter und setzte jährlich rund 150 Millionen D-Mark um – blieb die Firma ein Familienunternehmen im klassischen Sinne, sagt sie. „Mein Vater war in Beuel bekannt. Ich habe hier immer mit meinen Cousins gespielt und mit den Kindern aus der Maarstraße 63, wo Mitarbeiter der Firma wohnten, die teilweise in der zweiten oder dritten Generation für uns gearbeitet haben.“

Doch zwischen den Brüdern kam es zu Unstimmigkeiten. Werner Wolfgang Andernach verließ das Unternehmen. Als Gert Andernach 1994 starb, wurde die Testamentsvollstreckung angeordnet. So sei es für kein Familienmitglied mehr möglich gewesen, die Firma zu führen, sagt sie. Ihr Vater sei ein Patriarch im klassischen Sinne gewesen. „Er ließ nicht viel Platz neben sich und wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass er irgendwann einmal nicht mehr da sein würde.“

2003 stellte das Unternehmen in der Folge der Baukrise und durch Schwierigkeiten der ausländischen Tochterunternehmen, insbesondere in Polen, einen Insolvenzantrag. Das kanadische Unternehmen Iko übernahm AWA aus der Insolvenzmasse und schloss am 31. Dezember 2008 die Werkstore in Beuel.

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Weitblick

Die Zustände im Gewerbegebiet Beuel-Ost sorgen immer wieder für Kritik. „Die Maarstraße ist in einem sehr ungepflegten Zustand, voller Dreck und Müll“, sagt Gert Andernachs Tochter. Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren auf dem Gelände des stillgelegten Werkes Vandalismus gegeben. Aber nicht nur Scheiben wurden eingeschlagen, Kabel herausgerissen, die Wände besprüht. Mehrfach musste die Feuerwehr anrücken, weil Brände gelegt worden waren. „Die Täter hat man nicht gefasst – wahrscheinlich waren es Dummejungenstreiche“, sagt Manfred Rösner von der Iko Services & Engineering GmbH. Wie der GA berichtete, hatten zuletzt im vergangenen April vermutlich fünf Jugendliche in dem leerstehenden Gebäude der Firma gezündelt. Das legte zumindest das Überwachungsvideo einer benachbarten Firma nahe. 65 Feuerwehrleute der Beueler Wache und der Löscheinheiten aus Holzlar und Oberkassel konnten nur unter Atemschutz in das Gebäude eindringen, um die Flammen unter Kontrolle zu bringen.

Das Werksgelände, die Privathäuser und Gärten: Das war immer eins, sagt die Tochter des letzten Firmeninhabers. Die randalierenden Jugendlichen wären so häufig auch über ihr Grundstück marschiert. „Insofern bin ich auch froh, dass es bald vorbei ist.“ Sie hoffe, dass eine ordentliche Nachnutzung der Industriebrache Verbesserung bringe. Sie und ihr Mann haben selbst Interesse an dem benachbarten Teil des Grundstücks angemeldet. „Noch haben wir nichts gehört und ob es dazu kommt, hängt für uns natürlich auch davon ab, in welchem Zustand das Grundstück und welche Nutzung möglich ist.“

Wie berichtet soll nach den derzeitigen Planungen des Landesbetriebs Straßen NRW die Maarstraße und damit Bonns größtes Gewerbegebiet spätestens 2022 an die Autobahn 59 angeschlossen werden. Manfred Rösner sieht darin große Chance. „Für die Vermietung des Geländes ist das sicherlich eine gute Nachricht.“ Die Tochter des letzten Firmeninhabers ist skeptisch. Als eine der wenigen Bewohnerinnen des Gewerbegebietes fürchtet sie sich vor noch mehr Verkehr und Müll. Von ihrem Logenplatz aus wird die Tochter des letzten Inhabers von A.W. Andernach die Entwicklung jedenfalls weiterhin fest im Blick haben.

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Johanna Heinz
Redakteurin beim General-Anzeiger Bonn
Johanna Heinz ist seit Dezember 2015 Online-Redakteurin. Davor hat sie zwei Jahre lang in der Lokalredaktion Bonn gearbeitet. Liebt Kaffee, Bücher und gute Geschichten – egal ob gedruckt, gepostet, getwittert oder gefilmt.

Fotos:

Johanna Heinz, Archiv A. W. Andernach, GA-Archiv

Video, Karte:

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Konzeption, Design und Programmierung:

Clemens Boisserée