Über Big Ben lacht die Sonne

London kehrt zur Normalität zurück

Bunte Blumensträuße an einem grünlichen Laternenpfahl. Das letzte Überbleibsel einer Tragödie. Hier auf der Westminster Bridge kamen zwei Menschen ums Leben – ein Terroranschlag. Der Attentäter, der 52-jährige Khalid Masood, war mit einem PKW in die Menschenmasse gefahren. 50 Personen wurden bei der Amok-Fahrt verletzt, ein 75-jähriger Mann erlag wenige Tage nach dem Anschlag seinen Verletzungen. Der polizeibekannte Masood setzte seine Fahrt fort, erstach einen Polizisten und wurde schließlich von Beamten niedergeschossen. Geblieben sind ein paar Blumensträuße und der Rest eines Absperrbandes, das im Frühlingswind an einer Laterne flattert. Von angespannter Stimmung jedoch keine Spur. Über Big Ben strahlt wieder die Sonne.

London – die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs ist seit einem mehrjährigen Aufenthalt in meiner Kindheit zu meiner zweiten Heimat geworden. Mindestens einmal im Jahr verschlägt es mich auf die Insel. Der Besuch der Sehenswürdigkeiten steht lange nicht mehr im Fokus, viel mehr sind es die Stimmung, die Menschen, das Flair. Dementsprechend reise ich wenige Tage nach dem Anschlag mit einem mulmigen Gefühl an. Das Gefühl wird durch die hohe Polizeipräsenz verstärkt. Mehr als 600 zusätzliche Beamte wurden mobilisiert, um in und um London Sicherheit zu vermitteln. 2800 Polizisten sind es insgesamt. Auch am Flughafen Stansted fallen die gelben Warnwesten auf. Eine alte Frau liegt vor dem Schaufenster eines kleinen Supermarkts. Freundlich aber bestimmt wird sie von einem Polizisten vertrieben. „Es gibt zwei Möglichkeiten“, grummelt er. „Möglichkeit eins: Sie wollen irgendwohin fliegen. Fliegen Sie?“ Die Frau schüttelt kaum merklich den Kopf. „Dann greift Möglichkeit zwei: Sie verschwinden hier. Schnell.“

"Von dem Anschlag lassen wir uns ganz sicher nicht verunsichern!" Thomas Sanctuary

Auch ich bleibe nicht am Flughafen. Die Zugfahrt von Stansted in die Innenstadt dauert eine knappe Stunde. Vorbei geht es an Wasserwegen, Wiesen und Schafen. Gestört wird die Naturidylle von heruntergekommenen Hinterhöfen und wilden Müllkippen – auch das gehört zu England. Auf der anderen Seite des Ganges unterhält sich eine Familie aus der Nähe von Stuttgart über ihr bevorstehendes Abendprogramm. Die Wahl scheint auf ein Fastfood-Restaurant zu fallen. Für mich hat das ein „Geschmäckle“. Vielleicht hätte ich ein bisschen mehr Anteilnahme erwartet – der Anschlag ist noch keine 48 Stunden her, vielleicht bin ich zu empfindlich. „Natürlich reisen wir mit einem komischen Gefühl an“, gibt Vater Wolfgang zu. „Aber dann wäre doch das ganze Geld futsch gewesen.“ Und überhaupt: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiterer Anschlag zwei Tage später passiert, sei doch sowieso äußerst gering. „So sicher wie jetzt, war London vermutlich noch nie“, schiebt der Mittfünfziger hinterher. Das glaube ich nicht. Ja, gezielte Anschläge auf feste Ziele lassen sich vielleicht verhindern. Aber ein Mensch, der mit einem Fahrzeug in die Menschenmasse rast oder ein Attentäter mit einem Werkzeug als Waffe – das lässt sich selbst von 2800 Polizisten nicht verhindern.

Es wirkt als würde London Trauer tragen, als der Zug um kurz nach 8 Uhr die Innenstadt erreicht. „Gherkin“ und „Walkie Talkie“, die Spitznamen bekannter Wolkenkratzer der Londoner Skyline, liegen im Nebel. Der Himmel ist bedeckt. Die Stadt wirkt grau. Liverpool Street Station heißt die Endstation des Stansted-Expresses – ein erster Knotenpunkt des Londoner U-Bahn-Netzes. Im Minutentakt fahren hier die Züge gen Zentrum. Dementsprechend gut ist der Bahnhof im Nordosten der Hauptstadt gefüllt. Touristen, Pendler und Gary. Gary ist 56 Jahre alt und will mir nicht verraten, welchen Job er ausübt. Seine großen Pranken lassen auf eine handwerkliche Arbeit schließen, sein Äußeres könnte aber auch auf Arbeitslosigkeit hindeuten. Der Pullover ist mit Flecken übersät, seine Finger vergilbt. „Das war doch nur eine Frage der Zeit“, poltert er auf den Anschlag angesprochen los. „Bei Millionen Muslimen im Land braucht man sich doch nicht wundern“, sagt er deutlich leiser, wohl wissend, dass er mit seiner Meinung sicherlich aneckt. In Großbritannien leben rund drei Millionen Muslime. In manchen Städten deutlich mehr als Christen. Zum Beispiel im Norden. In manchen Teilen Blackburns liegt der Bevölkerungsanteil von Muslimen über 95 Prozent – eine Parallelgesellschaft. Für einige Christen ein Dorn im Auge. Ganz anders ist London. Die Hauptstadt ist ein Magnet für Menschen unterschiedlichster Religionen oder Hautfarben. Und sie ist stolz auf ihr Multikulti-Dasein. Natürlich auch weiterhin.

Die U-Bahnen sind am Morgen voll von Pendlern – Berufsverkehr. Dazu die zahlreichen Touristen, die mit ihren riesigen Koffern das Aus- und Einsteigen erschweren. Ein besonderes Gefühl von Stille, Andacht oder Besonnenheit? Fehlanzeige. Das Leben geht weiter. Nur die Zeitungen der Fahrgäste erinnern an den Anschlag. Von der Titelseite eines Boulevardblattes prangt ein Bild von Keith Palmer, der Polizist, den Masood niederstach. „Das letzte Foto des Helden“ steht dort in großen Lettern. Offenbar hat sich Palmer mit einer Touristin wenige Minuten vor seinem Tod ablichten lassen. Aus meiner Sicht ein sehr geschmackloser Aufmacher, der aber zu der aktuellen Berichterstattung passt. Selbst seriöse Medienunternehmen haben Bilder der Opfer abgelichtet oder gesendet. Der Aufmacher heizt eine Diskussion unter zwei Fahrgästen an. Hätte der Tod Palmers verhindert werden können, wenn der Polizist eine Waffe getragen hätte? Nach dem Anschlag in Nizza 2016 hatte die Regierung 600 Beamte der Metropolitan Police mit Waffen ausgestattet. Und doch: Mehr als 90 Prozent der britischen Polizisten sind unbewaffnet. „Unsere Nachbarschafts-Beamte, die ihre Straßen, ihre Umwelt, ja die Namen der Menschen ihrer Viertel kennen, sind unsere Waffe“, sagte Bernard Hogan-Howe, der ehemalige Chef der Met, kürzlich in einem Interview. „Sie sind unsere Augen und Ohren.“ Traditionell sieht sich die englische Polizei als „Polizei der Zustimmung und nicht der Gewalt“.

"Der Anschlag war doch nur eine Frage der Zeit." Gary

Der Green Park befindet sich im Zentrum der Innenstadt. Er grenzt an Buckingham Palace und Hyde Park. Piccadilly Circus ist fußläufig erreichbar. An sonnigen Tagen wie diesem verbringen viele Einheimische hier ihre Mittagspause bei Sandwich und Salat. Die Grünflächen teilen sie sich mit Tauben und Squirrels, überraschend neugierigen und hungrigen Eichhörnchen. Schüler spielen in ihren Schuluniformen Fußball, offenbar ohne Sorge, die weißen Hemden und grauen Hosen zu verschmutzen. Doch das Bild trügt. Nur wenige Meter entfernt befindet sich ein gepanzertes Polizeifahrzeug. Ganz langsam fährt es die Strecke zu Buckingham Palace auf und ab, es hält nur an, wenn sich ein Tourist ein Foto mit dem Gefährt wünscht. Ein skurriles Bild. Die Polizei zeigt mit dem Fahrzeug ihre Stärke, um im nächsten Moment hilfsbereit für ein Selfie herzuhalten. Überhaupt sind Polizeibeamte gerade in diesen Tagen ein sehr gefragtes Motiv. Immer wieder posieren sie für Selfies oder Gruppenfotos, geben auch in dieser Zeit bereitwillig Auskunft. Und das nicht nur die Bobbies. Selbst die schwer bewaffneten Beamten der Londoner Met erklären freundlich den Weg zu Big Ben, London Eye oder Tower. An den Anblick der Maschinengewehre muss ich mich allerdings erst gewöhnen. Ebenfalls skurril wirkt der Polizeihund, den drei bewaffnete Polizisten mit sich führen: Es handelt sich um einen Cocker Spaniel.

Es ist Nacht geworden. Soho und die Gegend rund um den Leicester Square gehören zu den ersten Adressen im Londoner Nachtleben. Clubs, Bars und Diskotheken beherbergen Tausende Gäste. Junggesellenabschiede, Saufgelage aber auch gemütliches Feiern stehen auf der Tagesordnung. Die Stimmung ist ausgelassen. Knapp bekleidete junge Frauen stackseln in High Heels über den Asphalt, ein junger Mann lehnt sichtbar angeschlagen an einer Hauswand. Auch hier ist nichts zu spüren von den Vorkommnissen am Mittwoch. Im Gegenteil. Auch die Restaurants in den anderen Stadtteilen sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Anschlag ist zu diesem Zeitpunkt ganz weit weg. Bis ein Großaufgebot der Polizei vor einem Supermarkt vorfährt. Die Straße wird abgeriegelt, Polizisten stürmen in ein Gebäude. Andere Beamte fordern die Fußgänger auf, weiterzugehen. In diesem Moment ist eine gewisse Nervosität zu spüren. Als die Beamten einen weißen Mann aus dem Gebäude geleiten, ist der Augenblick schon wieder vorbei. Eine Gruppe junger Frauen mit rosafarbenen Tutus läuft singend über die Straße. Friedlich wirkt dagegen das Ufer der Themse. Im rötlichen Schein von London Eye fließt die Themse vorbei. Auch der Elizabeth Tower, im Volksmund oft fälschlicherweise als Big Ben bezeichnet, wird beeindruckend angestrahlt. Stolz steht das Wahrzeichen der Hauptstadt an der Westminster Bridge, als wolle er sagen: „Terror? Nicht mit mir!“

Gute zwölf Stunden später ist es die Sonne, die den Uhrturm mit der wohl bekanntesten Glocke Europas anstrahlt. Von Stille keine Spur mehr. Menschenmassen schieben sich an dem Wahrzeichen vorbei. Einzelne bleiben an den bunten Blumensträußen, die an die Opfer erinnern, auf der Westminster Bridge stehen, fassen sie kurz an oder machen ein Foto. Andere suchen auf der Straße nach Spuren des Anschlags. Vergebens. Nichts ist geblieben. Fast nichts. Der Rest eines Absperrbands klebt an einer Laterne. Ein Schnipsel flattert im Wind. Mehrere Polizeifahrzeuge stehen in unmittelbarer Nähe. Eins mit Blaulicht – auch das ein beliebtes Fotomotiv. Vor dem Parlament befinden sich ebenfalls Menschenmassen. Sie demonstrieren gegen den Brexit. Einer von ihnen ist Thomas. Ein ehemaliger Klassenkamerad von mir. Ich treffe ihn später mit seiner Frau Milly in einem Pub im Norden der Stadt. Ich kenne Thomas seit fast 30 Jahren. In der Schulzeit waren wir gute Freunde, der Kontakt hatte über die Jahre nachgelassen, zuletzt aber wieder an Fahrt aufgenommen. Thomas ist ein fröhlicher Mensch. Auch jetzt strahlt er und erzählt lachend einen Schwank aus seinem Leben. So kenne ich ihn. Trotz des Anschlags? „Davon lassen wir uns sicher nicht unterkriegen“, spricht er die Message aus, die die ganze Stadt seit vergangenen Mittwoch verbreitet. „Wir sind Terror gewohnt“, pflichtet Milly ihrem Mann bei. „Wir sind mit der IRA aufgewachsen.“ Tatsächlich hat Großbritannien viel Erfahrung mit Terror: Die Anschläge der IRA bis in die 90er, der Angriff 2005, bei dem 56 Menschen ums Leben kamen und mehr als 700 verletzt wurden. In England lebt man mit dem Terror-Risiko, es wird offen von der Regierung kommuniziert, es gilt die zweithöchste Warnstufe. In den vergangenen Jahren wurden 13 vermeintliche Anschläge auf der Insel verhindert. Aber sich einigeln? Das kennen die Engländer nicht. „Wir wissen doch noch nicht einmal, ob es wirklich einen islamistischen Hintergrund gibt“, sagt Thomas. Tatsächlich gibt es erhebliche Zweifel, dass der IS hinter dem Anschlag steckt. Thomas lacht und wechselt das Thema. Der Terroranschlag? Vorbei. London und seine Einwohner üben sich in Normalität.

Es ist Abend, als ich das Flugzeug in Richtung Köln/Bonn betrete. Bin ich mit einem mulmigen Gefühl noch angereist, ein Gefühl von Erleichterung will sich in mir nicht breit machen. Warum auch? Es ist eher Wehmut, England zu verlassen. Doch eins ist sicher: Ich komme wieder, unabhängig vom Terror.