Zwischen den Welten

Von Pleistalwerk bis Aggerhütte: In alten Fabriken wird Industriegeschichte greifbar. Was soll aus ihnen werden?

Mitten in unserer Nachbarschaft, aber doch im Verborgenen: Hinter den dicken Backsteinmauern alter Fabrikgebäude in der Region versteckt sich eine oft mystische Zwischenwelt. Wie in einer Zeitkapsel lassen vergessene rostige Werkzeuge, Maschinen unter dicker Staubschicht und von Schlingpflanzen überwucherte Eisenträger erahnen, wie vor Jahrzehnten der Betrieb brummte. Was soll aus diesen Zeugen der Industriegeschichte werden? Nicht immer findet sich ein Weg, den Verfall aufzuhalten.

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Nach der letzten Schicht

Die Stille hat sich ausgebreitet. Sie liegt in den alten Fabrikhallen über der Staubschicht, über den rostigen Eisenträgern, den herabgefallenen Ziegelsteinen und über den Rohren ohne Anschlüsse. Die Stille hat die Herrschaft übernommen an den Orten, wo das letzte Schichtende meist Jahrzehnte zurückliegt und die Gegenwart noch nicht angekommen ist. Sie grenzt die Gemäuer ab von der neuen Arbeitswelt draußen mit ihren Flugzeugen und Lastwagen, Computern und Smartphones.

Im Sankt Augustiner Pleistalwerk pressten früher Arbeiter Ton zu Röhren, heute erobert sich die Natur den Raum zurück. Umgestürzte Bäume reißen Wände ein, Schösslinge sprießen aus früheren Fensterrahmen.

Das ehemalige Chemiewerk in Lohmar-Aggerhütte dient als Lager für Folien, ab und zu schaut der Besitzer, ob die Mauern im ältesten Gebäudeteil nicht zu stark bröckeln.

Tauben haben sich in den seit Jahren leerstehenden Lemmerz-Hallen in Königswinter eingenistet. Und die alte Halle der ehemaligen Varta-Bleischmelze in Krautscheid am Rande des Westerwaldes steht kurz vor dem Ende eines vorübergehenden Dornröschenschlafs. Rot-weiß-gestreifte Plastikbänder künden vom Umbau, bald arbeiten hier wieder Menschen und Maschinen.

In Krautscheid ist die industrielle Tradition des Standortes nie abgerissen. Anderswo sind es Pläne, manchmal eher Träume, durch die die Gemäuer wieder zu Arbeits- und Begegnungsräumen werden sollen.

Allen gemeinsam sind die Wurzeln aus der Zeit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts. Für die aufstrebende Eisen- und Stahlindustrie wurde auch an Rhein und Sieg Erz abgebaut und mit den neuen Eisenbahnlinien abtransportiert. Wo heute im Bonner Speckgürtel die Eigenheime im Grünen stehen, transportierten vor hundert Jahren Eisenbahnen Güter und Menschen. Die Bröltalbahn verband Siegburg und Rostingen, Beuel und Asbach, Hennef und Waldbröl. In Dörfern wie Quirrenbach (heute Königswinter) oder Hanfmühle (heute Hennef) freuen sich die Anwohner heute über jeden Bus, früher hielt hier regelmäßig die Bahn.

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Pleistalwerk in Sankt Augustin

Auch im Örtchen Birlinghoven, das heute zur Stadt Sankt Augustin gehört, war der Gleisanschluss neben dem tonhaltigen Boden lange Jahre der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Schon 1841 entstand hier die „Zeche Plato“, in der aus Ton Ziegelsteine, Dachziegel und Röhren produziert wurden. Bis zu 250 Menschen sollen hier gearbeitet haben. Als die Tongrube vor Ort erschöpft war, wurde der Grundstoff unter anderem aus dem nahe gelegenen Oberpleis mit der Bröltalbahn angeliefert.

„Jedes mal, wenn ich hier her komme, fehlt wieder ein Stück oder etwas ist zerstört“ Heinrich Geerling

Der Architekt Heinrich Geerling erinnert sich an seine Kindheit zwischen Tonröhren und Brennöfen. Als Sohn des letzten Fabrikbesitzers wuchs der heute 58-Jährige in der Fabrikantenvilla neben dem Werksgelände auf, die noch heute bewohnt ist. „Jedes Mal, wenn ich hier her komme, fehlt wieder ein Stück oder etwas ist zerstört“, sagt Geerling, als er sich über Trampelpfade durch Brombeergestrüpp und Abbruchreste den Weg zu dem weitläufigen ehemaligen Werksgelände bahnt.

In dem düsteren dreistöckigen Gebäude lauern zahlreiche Löcher im Boden, tragende Mauern drohen einzustürzen. Graffiti-Sprayer und abenteuerlustige Jugendliche lassen sich davon nicht abschrecken. Der Boden ist übersät mit leeren Farbdosen, Plastiktüten und Glasscherben. „Hier drinnen ist es lebensgefährlich“, warnt Geerling. Bäume wachsen in den Mauerfugen und lassen die alten Steine bröckeln. Wo früher Maschinen standen, hat sich in Löchern im Boden dunkel schimmerndes Brackwasser gesammelt.

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Umweltbildungszentrum im Pleistalwerk

Die Ruine des Pleistalwerks liegt idyllisch: Hinter dem Grundstück beginnt der Birlinghovener Wald, auf der anderen Seite führen die Wege direkt in das Pleistal, beide Gebiete sind Teile des Naturparks. Der Verein Umweltbildungszentrum Pleistalwerk setzt sich dafür ein, dass aus den Ruinen der alten Fabrik ein Treffpunkt für Natur-Interessierte entsteht. Finanziert werden soll das Projekt unter anderem aus Bundesmitteln für den Bonn-Berlin-Ausgleich, so die Vorstellung von Vorstandsmitglied Heinrich Geerling. Ideen für die Industriebrache hat der Verein viele: eine Kunstschule und ein Café sollen hier entstehen, es soll über die im Pleistal beheimatete seltene Gelbbauchunke informiert werden und ein Tonmuseum Einblicke in die Geschichte des Standortes geben. Mehr im Internet unter: www.ubz-pleistalwerk.de

Heinrich Geerlings Großvater, Heinrich Startz, hat die Fabrik in den 20er Jahren gebaut, nachdem ein Großbrand die alte „Zeche Plato“ vernichtet hatte. Geerlings Vater führte die Tonverarbeitung weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Nachfrage nach den Röhren hoch. Das Birlinghovener Pleistalwerk verkaufte seine Produkte bis nach Italien und Frankreich. In den heute mit Brettern verriegelten Nebengebäuden habe die Belegschaft Weihnachten gefeiert, erinnert sich Geerling.

Noch heute erinnern Keramiktafeln an den Mauern und ehemals als Blumentöpfe genutzte Tonröhren an bessere Zeiten. „Als Kinder sind wir mit den hölzernen Handwagen zum Transport der Röhren über das Firmengelände gefahren“, sagt Geerling und deutet auf ein von Schlingpflanzen fast verschlucktes Holzgestell. Den Weiher neben dem Werk, aus dessen schwarzem Wasser heute verfaulte Baumstämme ragen, habe die Dorfjugend als Badesee genutzt. Als in den 1970er Jahren Kunststoffröhren die Produkte aus Ton verdrängten, war das der Anfang vom Ende des Pleistalwerks. Die Familie stellte die Produktion ein, verkaufte die Maschinen. Der Verfall war rapide. „Ganze Mauern und fast alle Eisenteile wurden von Dieben abgetragen und mitgenommen“, sagt Geerling. In den 90er Jahren verkaufte die Familie den Standort.

Von der Tonverarbeitung, einst ein florierender Wirtschaftszweig im Raum Niederpleis, ist heute nicht mehr übrig als die alten Gemäuer in Birlinghoven.

Rettung ist nicht in Sicht. Ideen gab es viele. Ein Reha-Klinik sollte hier entstehen oder ein Spaßbad. Passiert ist: nichts. Heinrich Geerling hat die Stätte seiner Kindheit noch nicht aufgegeben. Ein Umweltbildungszentrum soll im Pleistalwerk entstehen. Sogar einen Verein gründete Geerling dafür. Doch offenbar wagt sich die klamme Kommune nicht an das Großprojekt, und ob öffentliche Fördergelder wirklich fließen, ist unklar. Und so bleibt die Ruine am Ortsrand vorerst für die einen ein Schandfleck, für die anderen ein Ort mit ganz besonderer Atmosphäre.

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Aggerhütte in Lohmar

Wenige Kilometer entfernt: Die Straße nach Overath durch den Norden Lohmars säumen Wiesen, Weiden und Fachwerk-Bauernhöfe. Der 25 Meter hohe Backstein-Koloss mit seinen gemauerten Fabrikschloten ragt wie ein Fremdkörper in die ländliche Idylle. 1855 baute die „Honrather Gewerkschaft“ dort eine Erzaufbereitungsanlage – die Aggerhütte, die dem Gebäude und der kleinen Ansiedlung heute noch den Namen gibt. Doch schon nach wenigen Jahren mussten die Eigentümer den Betrieb einstellen. 1876 stand das Gebäude „nebst 30 Pferd Dampfmaschine“ zum Verkauf, wie Nachbesitzer Karlheinz Fallaschinski rund 100 Jahre später schreibt.

„Hier müsste dringend renoviert werden. Aber wer soll das bezahlen?' Daniel Fallaschinski

Die Käufersuche lief schleppend. Die Lohmarer wehrten sich gegen eine chemische Fabrik in der Agger-hütte. Man sorgte sich um „den wertvollen Fischbestand“ und „die Zerstörung des Grasaufwuchses“, heißt es in alten Dokumenten. Die frühen Umweltschützer setzten sich durch und die Anlage verfiel. Erst im Jahr 1903 kehrte die Industrie zurück. Ein Kölner Unternehmer baute auf dem Grundstück ein sogenanntes Extraktionswerk, in dem Tierknochen ausgekocht werden. Daraus entsteht Öl für die Seifenherstellung und – zum Ärger der Dorfbewohner – der stinkende „Knochenteer“. Die „Knochen-Möll“ blieb ein Fremdkörper im Aggertal.

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Trotz zahlreicher Besitzerwechsel und Nutzungen vom Bus-Depot bis zum Versteck von Maschinen der Rüstungsindustrie im Zweiten Weltkrieg blieb das markante Gebäude bis heute, 114 Jahre nach Baubeginn, zumindest äußerlich kaum verändert. Die Stadt Lohmar stellte die Aggermühle, die weithin den Blick durch das Tal prägt, unter Denkmalschutz.

Die Probleme sind dadurch längst nicht gelöst. Daniel Fallaschinski betreibt mit Verwandten in Aggermühle eine kleine Foliendruckerei. Das imposante Gebäude hat seine Großmutter in den 70er Jahren gekauft und saniert. Ihr Firmenname, defa Folien, prangt noch in großen Lettern an der Fassade. Fallaschinski nutzt eine Halle als Lager, andere Räume hat er vermietet. Nur selten schließt er die unscheinbare Eisentür zum Vorderhaus auf. „Hier müsste dringend renoviert werden“, sagt der 38-Jährige. „Aber wer soll das bezahlen?“ Die Auflagen des Denkmalschutzes – für einen Kleinunternehmer sind sie kaum finanzierbar. Eine Mietersuche für die durch eine enge Wendeltreppe aus rostigem Metall verbundenen Räume? Unmöglich.

An den Wänden und Stahlträgern bröckelt die Farbe. Der Staub tanzt im Licht, das durch die meterhohen Kassettenfenster fällt. Wann hier zuletzt gearbeitet wurde? Fallaschinski zuckt mit den Schultern. Der etwa einen Meter lange rostige Schraubendreher scheint schon einige Jahrzehnte an dem Haken an der Wand zu hängen. Auch wenn sich um die Agger-hütte ein kleines Industriegebiet gebildet hat. Für das Herz des Standortes, die alte Fabrik, ist der Weg in die Gegenwart noch nicht gefunden. „Letztens hatte ich Berater von der Sparkasse da“, sagt Fallaschinski. „Die überlegen noch.“

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Lemmerz-Hallen in Königswinter

Auch in Königswinter warten Fabrikhallen auf den einen Investor. Den mit der richtigen Idee. Seit mehreren Jahren steht ein Teil der Hallen des alten Lemmerz-Felgenwerkes leer. Auf einer Fläche von rund 15 000 Quadratmetern tummeln sich die Tauben, wo früher schwere Maschinen Stahl zu Räder und Felgen verarbeitet haben.

Es wirkt, als habe die letzte Schicht das Gebäude erst kürzlich verlassen

Es wirkt, als habe die letzte Schicht das Gebäude erst kürzlich verlassen. „Lemmerz-Werke, Baujahr 1959“ steht an der Krananlage unter dem Hallendach auf blätternder grüner Farbe. Ein schwarzer Schmutzfilm zeigt, dass die Knöpfe der Beleuchtungsanlage für die „Warmpress-Halle“ oder den „Betonbau West“ wohl seit Jahren niemand mehr gedrückt hat. In den weiß gekachelten Umkleide-Hallen warnen Aufkleber vor Fußpilz.

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Nebenan, bei der Firma Maxion, laufen die Maschinen noch. 2011 hatte das Unternehmen einen Teil des Standortes übernommen. Was übrig blieb, kaufte die Stadt Königswinter. Zwei Millionen Euro zahlte die Kommune für die Reste des Unternehmens in zentraler Lage hinter dem Bahnhof. Das wäre fast das Ende des traditionsreichen Standorts gewesen, den Unternehmer Johann Lemmerz mit seinen Brüdern 1919 gegründet hat. Aus Königswinter stammten die Räder für den „Opel Laubfrosch“ in den 1920er und 30er Jahren. Lemmerz erfand die „vierteilig gepresste Schrägschulterfelge“, die Nutzfahrzeuge stabiler machte.

Doch vor rund zwei Jahren war der Abriss der alten Hallen in Königswinter bereits beschlossene Sache. Erst sollte hier ein neues Rathaus entstehen, später ein Factory-Outlet-Center. Bürger gingen gegen die Pläne auf die Barrikaden, Künstler wollten in den Hallen ein Kulturzentrum aufbauen. Offenbar meldeten sich auch Interessenten für eine industrielle Nutzung, um die Lemmerz-Hallen aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. „Wir verhandeln gerade“, sagt Stadtsprecher Nico Graefe. Mehr nicht. Geschäftsgeheimnis.

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Bleihütte Luise in Krautscheid

Wenige Kilometer weiter, am Rande des Westerwaldes, tut man sich leichter mit der örtlichen Industriegeschichte. In Krautscheid bei Uckerath wird das Blei aus alten Batterien geschmolzen – heute wie schon vor mehr als 110 Jahren. Die Technik hat sich verändert, die Eigentümer haben gewechselt. Das Prinzip ist geblieben.

Rund um die Uhr brennt hier der Schachtofen, eine Schicht folgt der anderen.

Heute gehört der Standort dem US-Konzern Johnson Controls. Für die Menschen in der ländlichen Umgebung ist das Werk oft trotzdem noch schlicht „die Fabrik“ oder „Varta“, benannt nach dem Vorbesitzer-Unternehmen. 4,5 Millionen ausgediente Autobatterien werden hier jedes Jahr eingeschmolzen, das gewonnene Blei verarbeitet Johnson Controls weiter.

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Geschäftsführer Frank Toubartz zeigt auf den aus Backsteinen gemauerten 50 Meter hohen Schornstein auf einem Hügel, Baujahr 1904: „Hierdurch strömt noch heute die gefilterte Abluft des Schmelzofens,“ sagt er. Der Werksleiter hat sein Büro im malerischen früheren Verwaltungsgebäude eingerichtet. An der Fassade des Hauses mit Fachwerk-Giebel hängt ein altes Messingschild, mit dem die „Accumulatoren-Fabrik Aktiengesellschaft Krautscheid“ die Gefallenen des Ersten Weltkrieges ehrt.

Schon damals wurden in Krautscheid Akkumulatoren – so die alte Bezeichnung für Batterien – eingeschmolzen, damals stammten sie unter anderem aus Straßenbeleuchtung oder Bahnen. 1904 begann die Arbeit der „Blei-Hütte Luise“, benannt nach einer alten Erzhütte an dem Standort. Von ihr ist der 30 Meter hohe Abraum-Hügel geblieben, auf dem der Schornstein steht. Bis heute trägt jeder Blei-Block aus Krautscheid die eingeprägten Buchstaben BHL als Markenzeichen. Tradition verpflichtet.

Das Geschäft läuft hier gut. Seit 113 Jahren. So gut, dass der Mutterkonzern in Krautscheid einen zweistelligen Millionenbetrag in den Ausbau des Standortes investiert. In der Halle aus dem Jahr 1906, die heute leer steht, sollen bald die Kunststoffgehäuse der Batterien recycled werden. „Im Frühjahr geht es los“, sagt Werksleiter Toubartz. Die Bleihütte hat den Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart gemeistert. Rund um die Uhr brennt hier der Schachtofen, eine Schicht folgt der anderen. Seit 1904. Die Stille war nur zu Gast.

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Redaktion:

Andreas Dyck, Delphine Sachsenröder

Text:

Delphine Sachsenröder

Fotos und Videos:

Andreas Dyck

Konzeption, Design und Programmierung:

Andreas Dyck