Kommando Jeck

Auf Tour mit den Köbessen

Ein kleiner Van: Die Luft ist stickig, die Stimmung leicht angespannt. In wenigen Minuten steht der erste Auftritt der Band „De Köbesse“ an diesem Tag auf dem Programm. Der Bus befindet sich im Stau  – unter dem Koblenzer Tor. G20-Außenminister-Konferenz. Bonn steht. Nichts geht mehr. Das Ziel Brückenforum ist Luftlinie nur einen Kilometer – in diesem Moment jedoch Lichtjahre entfernt. „Wir sind schneller, wenn wir zu Fuß gehen“, schlägt Roger Moore, Sänger der Band, vor. Mit seinem Vorschlag stößt er auf wenig Gegenliebe. Denn erst einmal müssen noch die Setlisten auf ein Stück Papier gekritzelt werden. Die ausgedruckte Variante ist in der Hektik liegen geblieben. Zeit für ein kleines Facebook-Live-Video findet der Sänger aber schon noch.

Mehr als eine Stunde zuvor hat sich die Band am Proberaum vor den Toren Bonns getroffen. Die Mitglieder gehen einem geregelten Berufsleben nach. Morgens am Schreibtisch, abends auf der Bühne. Viel Zeit für eine Pause bleibt da nicht. „Los jetzt“,  scheucht Frank Brack seine Bandmitglieder in den Bus, die Technik ist in einem weiteren Fahrzeug bereits auf dem Weg. „In Bonn ist überall Stau.“ Brack bedient nicht nur das Schlagzeug, er ist auch der Fahrer des „Tourbusses“. Und er hat offenbar ein hellseherisches Talent. In Bonn geht an diesem Nachmittag verkehrstechnisch wirklich nicht viel.

Dabei rennt die Zeit. Um 18 Uhr sollen die Köbesse auf der „Mädche un Jonge“-Sitzung im Brückenforum auftreten. Der erste von drei Gigs in dieser Nacht. Es bleiben noch knapp zehn Minuten. „In der Regel gibt es bei der Wartezeit für beide Seiten eine Karenz“, erklärt Moore noch recht entspannt. Unmittelbar hinter dem Tor löst sich der Stau auf. Und tatsächlich zwei Minuten vor Auftritt fährt der Bus am Brückenforum vor. „Natürlich sind wir normalerweise schon ein bisschen früher vor Ort. Aber nicht zu früh. Sonst ist die Anspannung zu groß“, erklärt Moore. Aufregung? Selbst für den 35-Jährigen noch immer ein Thema. Dabei ist Moore seit 16 Jahren auf der Bühne zu Hause. Unter anderem nahm er an einer der ersten Staffeln von „Deutschland sucht den Superstar“ teil. „Die Aufregung geht nie ganz weg. Aber man braucht das auch ein bisschen“, erklärt er.

'Die Aufregung geht nie ganz weg. Aber man braucht das auch ein bisschen. Es ist natürlich einfacher, wenn die Stimmung schon am Kochen und der Saal voll ist.' Roger Moore

Auf der Bühne muss die Band einfach funktionieren. Und das tut sie. „De Köbesse“ sind im Brückenforum der Eisbrecher. Eine undankbare Aufgabe. Denn nicht nur die Band stand im Stau. Der Saal ist zu Beginn der Veranstaltung noch halbleer. „Es ist natürlich einfacher, wenn die Stimmung schon am Kochen und der Saal voll ist“, sagt Moore. Doch die Band ist erfahren genug, die Situation zu meistern. Seit ausgerechnet dem 11.11.2011 gibt es „De Köbesse“. Nach einigen Jahren als kölsche Cover-Band spielen die Jungs aus Köln, Bonn und der Region nun ihre eigenen Songs.  Fast ausschließlich. „Eigentlich wollen wir nur noch unsere eigenen Lieder spielen“, erklärt Gitarrist Karsten Ebert. Kein risikoarmes Unterfangen. Schließlich wollen viele Veranstalter mit Cover-Bands die Stimmung im Publikum erst richtig anheizen. Doch „De Köbesse“ haben mit ihren Songs erfolg. Mit „5. Johreszigg“, „Kommando Jeck“ und „Stadt am Rhing“ gewinnen sie 2015 den Publikumspreis von „Loss mer Singe“.  „Wir sind immer wieder gefragt worden, warum wir nicht unsere eigenen Songs spielen“, erklärt Moore. Sogar die Kollegen von Cat Ballou rieten der Band dazu.

70 Auftritte in der Session

Und die Songs funktionieren. Obwohl das Brückenforum sich erst zu diesem Zeitpunkt füllt,  sorgen die Köbesse für ordentlich Stimmung. Bei der Ballade „Met nem Leedche“ schunkelt dann der ganze Saal. Nahezu eine Stunde dauert der Auftritt. Und tatsächlich – „De Köbesse“ kommen ohne Cover-Songs aus. Nach der geforderten Zugabe macht die Band Platz für den nächsten Programmpunkt. „Am Anfang war es vielleicht ein wenig zäh, weil noch nicht alle da waren, aber jetzt am Ende war die Stimmung einfach super“, sagt der Bandleader. Während die Technik im Bus verstaut wird, heißt es für Moore und Co. erst einmal durchatmen. Bis zum nächsten Auftritt ist noch Luft. Gerade in der heißen Phase ist das die Ausnahme. Heute stehen drei Gigs auf dem Programm. In der ganzen Session sind es rund 70. Jeden Tag dieselben Lieder, jeden Tag Stimmung machen – selbst wenn man mal schlecht gelaunt ist. „Dafür kann das Publikum ja nichts“, sagt Moore.

Manchmal Neid, aber allen voran Anerkennung

Um halb zehn scheucht Schlagzeuger Brack die Band zusammen. Es geht in Richtung Weilerswist. Dort veranstaltet die KG Blau Weiß Metternich einen Kostümball. Der zweite Gitarrist Angel Hambach sowie Keyboarder Erik Meyer haben sich unter das Volk gemischt. Doch mit ein wenig Verzögerung erreichen auch sie rechtzeitig den Bus. „Querbeat hat mal so richtig das Brückenforum gerockt“, sagt Meyer. „Der neue Song ist aber auch gut.“ Anerkennung für die Bonner Kollegen. Zwar keine Seltenheit, unter den Musikern gibt es aber auch Neid. „Natürlich gibt es den“, sagt Moore. „Das gehört dazu, aber auch absoluter Respekt. Kasalla hat mit uns zum Beispiel etwa zeitgleich angefangen. Aber wie professionell die Arbeiten, wie gut die das alles vorangetrieben haben, die haben sich ihren Erfolg wirklich verdient!“ Viele Berührungspunkte gibt es mit den anderen Bands selbst in der jecken Zeit nicht. „Wir eilen ja von Auftritt zu Auftritt. Entweder die anderen spielen gerade oder sie sind noch nicht angereist.“

Zwischen Brückenforum und Weilerswister Kostümball liegt nicht nur eine örtliche Distanz. Das Festzelt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Und nicht nur das Zelt. Zur fortgeschrittenen Stunde hat auch der ein oder andere Gast schon ein Bier über den Durst getrunken. Die Stimmung ist gut. Die aktuell spielende Cover-Band absolviert nicht nur kölsche Songs sondern versucht sich auch in dem Österreicher Andreas Gabalier. „Das ist der Vorteil einer Cover-Band“, sagt Ebert. „Da können alle mitsingen.“ Gemeinsam mit Bassist Markus Hennig wird sich mit Pommes Frites und Currywurst noch einmal gestärkt. Denn es heißt mal wieder warten. Ebert ist das musikalische Gehirn der Band. Der Gitarrist schreibt die Songs, ist aber ein „Imi“, wie er sagt – nach Köln zugezogen.

'Ich hab mir das Kölsch zwar angeeignet, spreche es aber nicht fließend. Beim ersten Lesen ziehen die Jungs mich mal gerne auf. Dann muss man auch nochmal an den Text. Wenn der Reim auf „Zeit“ dann nicht mehr auf „Zick“ passt.' Karsten Ebert

Um 22.40 Uhr geht es los. Moore und Co. werden auf die Bühne gerufen. Ein letztes Abklatschen, dann geht es los. Mit „Kommando Jeck“ heizen die sechs den Zuschauern ein. Jetzt muss einer der Techniker auch mal während eines Songs Hand anlegen. Es gibt Probleme bei Hambachs In-Ear. Das Problem ist schnell ausgeräumt. Und dieses Mal spielt die Band dann doch einen Coversong. „Eigentlich machen wir das nicht mehr. Aber es gibt noch ein paar Veranstaltungen, wo es vorab so abgesprochen war. Da halten wir uns natürlich dran“, so Moore. Mit Brings „Su lang mer noch am lääve sin“ bricht endgültig das Eis. Dabei haben die Songs der Band ebenfalls Hit-Charakter. „Met nem Leedche“ hat es gerade ins Finale einer Karnevalshitparade geschafft. Dort tritt die Band gegen „Höhner“ und „Brings“ an. Ein ungleicher Kampf. Die „Großen“ der Szene können von den Gagen gut leben. „Das sind aber nur ein paar Wenige“, erklärt Hennig. „Von dem Honorar geht ja auf professioneller Ebene noch viel ab.“ Zum Beispiel die Technik. An diesem Abend ist die Band mit drei Technikern unterwegs.

Knapp 25 Minuten dauert der Auftritt. Auch hier soll die Band eine Zugabe spielen. Kein Problem. Die darf aber nicht zu lange dauern. Denn dieses Mal entsteht doch so etwas wie Stress. Es geht nämlich nach dem Auftritt direkt weiter nach Swisttal Straßfeld. Hier feiert die Handball Spielgemeinschaft ihre Sitzung. Für „De Köbesse“ eine Art Heimspiel. Denn hier sind sie bereits aufgetreten. Damals noch mit Cover-Songs. Diese benötigen sie dieses Mal nicht. Die Band wird bereits erwartet und frenetisch empfangen. „So ist die Stimmung eigentlich immer bei unseren Auftritten“, sagt Moore. Zahlreiche Narren singen die Songs mit. Der Saal kocht. Auch dieser Auftritt dauert 25 Minuten. Wenn es nach Moore geht, hätte es auch noch ein wenig länger dauern können. „Das hat richtig Spaß gemacht“, erklärt der Sänger. „Und genau dafür machen wir es. Weil es einfach Spaß macht.“ Die Müdigkeit ist der Band anzusehen. Jetzt heißt es ab nach Hause. Denn schon in wenigen Stunden fängt die Prozedur von vorne an.