Fassaden statt Leinwände

Streetart entdecken in Bonn

Eine Nacht im Dezember in der Bonner Altstadt. Es ist kurz nach 22 Uhr. Auf den Straßen ist es still, kaum jemand setzt sich freiwillig den eisigen Temperaturen aus. In der Nähe der Einfahrt zu einer Tiefgarage im Annagraben hat sich vor einem Stromkasten ein Mann in eine schwarze Kapuze gehüllt, der sich selbst Dropix nennt und sich als Künstler versteht. In einer Hand hält er eine Tüte, darin angemischter Tapetenkleister und ein breiter Pinsel, in der anderen ein bemaltes Stück Papier. Er schaut sich sorgfältig um, zögert noch. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite huscht eine Frau eilig durch die dunkle Straße. Als die Luft rein ist, bepinselt Dropix den Stromkasten. Er klebt das Bild darauf und pinselt noch einmal drüber. Vom Kasten grüßt nun der bärtige Erklärbär-Opa aus der Kinderserie „Es war einmal… Das Leben“, der mit einem Stethoskop das Herz im Schriftzug „I♥BN“ abhört. Ganz knapp hat die vorbeihuschende Frau die Entstehung eines neuen Paste-Ups verpasst.

Paste-Ups (vom englischen ‚to paste up‘, zukleben) sind künstlerische, selbstgestaltete Bilder, die in der Öffentlichkeit an Hauswände, Mauern und Stromkästen geklebt werden. Da sie im öffentlichen Raum „aufgehängt“ werden, zählen sie zur Streetart. Woher der Ausdruck kommt, weiß Kunsthistorikerin Monja Müller. Der Begriff Street Art geht auf das gleichnamige Buch von Allen Schwartzman aus dem Jahr 1985 zurück“, erklärt sie. Darin gehe es „um Arbeiten im öffentlichen Raum von Künstlern wie Barbara Kruger, Keith Haring, Richard Hambleton und Jean-Michel Basquiat, die heute allesamt zu der ersten Generation von Streetart-Künstlern gezählt werden“. „Streetart” ist somit kein unnötiger Anglizismus: Das Wort beschreit etwas gänzlich anderes, als der deutsche Begriff “Straßenkunst”, bei der es um Künstler wie Akrobaten und Musiker geht, die sich in der Fußgängerzone selbst in Szene setzen. 

Doch wie verbreitet ist Streetart in Bonn überhaupt? Ist Dropix ein Einzeltäter oder sind Streetart-Künstler Rudeltiere? Wie entstehen Paste-Ups, Graffiti & Co? Was haben die Stadtwerke damit zu tun? Und ist das alles überhaupt legal?

Wie man ein Paste-Up bastelt, zeigt Dropix an seinem Arbeitsplatz. Sein Atelier ist eigentlich ein Büro, das er sich mit anderen Kreativen teilt. Im Hintergrund läuft leise Old School Hip Hop vom Handy. An den Wänden hängen seine Bilder in Rahmen. In seinen Motiven verarbeitet er die Ikonen seiner Kindheit und verpasst ihnen einen erwachsenen, dunklen Twist. Da finden sich zum Beispiel eine depressive Micky Maus mit Alkohol in der Hand oder ein nacktes Schneewittchen mit Kippe im Mundwinkel. Auf dem Tisch vor ihm liegen Entwürfe auf Papier und ungefähr ein Dutzend schwarzer Filzstifte. Was der Unterschied zwischen denen ist? “Das ist nur die Dicke”, erklärt Dropix. “Und ich hab die schlechte Angewohnheit, dass ich die leeren Stifte nie wegwerfe”, gesteht er reumütig und lacht.

Das Prinzip des Paste-Ups ist schnell erlernt. Der Künstler und die Reporterin malen jeweils ein Motiv, erst mit Bleistift, dann mit wasserfestem Marker. Am Ende wird signiert und das überschüssige Papier an den Konturen entlang abgeschnitten. Aber der Teufel steckt im Detail. “Wie dick oder dünn male ich mein Bild und wie einfach ist es dann?”, fragt Dropix rhetorisch. “Das sind Sachen, die man mit der Zeit lernt.” Das Gänseblümchen der Reporterin fällt eher fein aus. “Das heißt, die Leute werden das Bild erst von Nahem wahrnehmen können”, sagt der Experte. 

Paste-Ups sind längst nicht die einzige Form der Streetart. Weiter verbreitet sind Graffiti, die entweder als freies Graffito oder als Schablonen-Graffito (sogenannte Stencil-Graffiti) auftauchen können. Auch Aufkleber an Regenrinnen zählen zur Streetart, ebenso wie großflächig bemalte Hauswände (sogenannte Murals), eingestrickte Straßenschilder und mit Beamer an Fassaden geworfene Videos. In den Bonner Straßen begegnen dem aufmerksamen Beobachter neben Paste-Ups besonders häufig Schablonen-Graffitis. Für sie wird zunächst ein Motiv in eine Schablone geschnitten, man hält sie an die Wand, sprüht Farbe darauf – fertig ist das Graffito. Der Vorteil für den Sprayer ist gleichzeitig der Nachteil für den Hauseigentümer: Das Motiv lässt sich schnell und oft wiederholen.

Viele Stencil-Graffiti gibt es in der Bonner Altstadt zu entdecken, dem Herz der hiesigen Streetart-Szene. An der Jugendkunstschule in der Heerstraße bläst Godzilla eine Pusteblume um; gleich nebenan brennt ein Zeppelin nieder. Winston Churchill grüßt mit Wurst statt Zigarre in der Hand gleich mehrfach von den Fassaden, ebenso Astrid Lindgren, die mit den für Pippi Langstrumpf typischen Zöpfen verschmitzt drein schaut. Dazwischen mischen sich linkspolitische Botschaften, „G7 ist nur ein Datum“. Cartoon-Ikonen wie Winnie Puuh und der Maulwurf aus der „Sendung mit der Maus“ spielen mit Granaten und Handfeuerwaffen. Und irgendwo rät Darth Vader: „Frag deine Mutter.“

Einen umfangreichen Überblick über die gesammelten Werke der letzten Jahre bietet die Facebook-Seite „Streetart Bonn„. Mitverantwortlich dafür ist Jan. Vier Jahre ist es her, dass er begann, die Seite zusammen mit ihrem Gründer zu betreuen. Über 500 Fotos über Bonner Streetart haben sie seitdem gesammelt. Selbst ist er kein Künstler, nichtsdestotrotz hält er die teils sehr flüchtige Kunst für die Nachwelt fest.

An einem grauen Novembermorgen sitzt Jan bei einem Cappuccino im Uni-Café. Dass er passionierter Kunstsammler ist, sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Vielmehr wirkt er wie ein Vertreter des mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereichs. Aber weit gefehlt: Akademisch gesehen kommt er aus der Geschichte, was vielleicht seine dokumentarische Ader erklärt. 

Durch seine stetige Suche nach Streetart kennt er die Kreativen und Künstler in Bonn, zum Teil persönlich, zum Teil nur ihre Künstlernamen. Paste-Ups produzierten außer Dropix vor allem 1zwo3 und Chrono, erzählt er, während er nebenbei an seinem Heißgetränk nippt. Ab und zu träten Künstler aus Köln, wo Streetart in Stadtteilen wie Ehrenfeld einen wesentlich höheren Stellenwert habe, die Reise nach Bonn an. So zum Beispiel JoinyViele aus der Altstadt-Szene hätten kreative Hauptberufe, einige seien Aussteiger aus dem PR-Bereich. Angst vorm Kleben müsse übrigens keiner haben. “Zieh eine Warnweste an, dann ist es egal was du plakatierst. Die Bonner sind da sehr vertrauensvoll”, verrät Jan schmunzelnd.

1zwo3 war der erste, der in Bonn regelmäßig Wände beklebte. Obwohl er immer noch aktiv ist, hängt im Dezember kein einziges seiner Paste-Ups in den Straßen. Wie kann das sein? “Aktuell sind wohl keine Bilder im Umlauf, da fast alles Bilderdieben oder den Stadtwerken zum Opfer gefallen ist”, antwortet der Künstler per E-Mail. „Das kann man aber an einem Abend leicht wieder ändern“, ergänzt er verschwörerisch. Zum Zeitpunkt der Recherche allerdings nicht, denn da ist 1zwo3 gerade nicht im Lande. 

Gesprächsbereit und anwesend ist hingegen Paste-Up-Artist Chrono. Wie Jan erfüllt er keine Klischees: Tattoos und bunte Haare trägt er jedenfalls nicht. Stattdessen entpuppt sich Chrono als glatt-rasierter, aufgeräumter Student Anfang 20 mit Nerd-Brille. Seit November 2015 ergänzt er das Bonner Stadtbild durch Paste-Ups, die teilweise auch Monate nach dem Aufkleben noch hängen (das Geheimnis: Bastelleim statt Tapetenkleister). Seine Bilder sind thematisch ziemlich unterschiedlich; oft seien sie von Gefühlen inspiriert, erzählt er. Warum Hauswände und nicht Leinwände? Seine Antwort wählt er mit Bedacht. „Einfach, weil es eine Grenzüberschreitung ist“, sagt er schließlich. „Es trägt Kunst vom Wohnzimmer in die Stadt. Das hat die Kraft, mehr Leute zu erreichen und Leuten vor den Kopf zu stoßen, die das normalerweise gar nicht sehen würden.“ 

Nicht den Leuten vor den Kopf stoßen, sondern glücklich machen, will die Künstlerin Brainoon. Statt auf gemalte Unikate, setzt sie auf am Tablet entworfene, gedruckte Sticker. Ihre Motive: Donuts mit Stacheln und freche Kakteen. Beim Gespräch in einem Café in der Innenstadt ist sie sichtlich aufgeregt, fast schon nervös. Die Streetart ist genau ihr Ding, ihr persönlicher Ausgleich vom beruflichen Stress. Weil sie ihre Ausbildung im öffentlichen Dienst absolviert hat, möchte sie trotzdem unbedingt unerkannt bleiben. Wenn man niemals persönlich Anerkennung für seine Arbeit ernten kann, für wen oder was macht man dann Streetart? „Für die Menschen“, antwortet sie. „Es gibt einfach viel zu viele Sticker draußen, wo Botschaften drauf stehen wie ‚Nazis raus‘. Die Leute gehen daran vorbei. Keiner guckt sich das an und denkt: ‚Oh ja, Nazis raus, ich geh mal raus.‘ Ich mache lieber etwas, wo die Leute lächeln. Wenn sie meine Sticker sehen, denken sie sich – hoffe ich – ‚oh, das ist aber schön‘.“

Egal ob Brainoon, Dropix oder Chrono, alle kontaktierten Künstler möchten lieber anonym bleiben. Der Wunsch nach Anonymität hat neben persönlichen Gründen vor allem einen: So richtig legal ist das mit den Paste-Ups nicht. Was als Sachbeschädigung zählt und was nicht, klärt grundsätzlich das Strafgesetzbuch. Entscheidend ist laut Gesetz, wie groß und wie permanent ein Werk ausfällt. Explizit angesprochen werden aber weder Paste-Ups noch Graffiti. Polizeisprecher Michael Beyer wird konkreter: Strafrechtlich relevant seien als Sachbeschädigung nur Graffiti. Wenn Aufkleber rückstandslos entfernt werden könnten, handele es sich nicht um Sachbeschädigung, ergo auch nicht um eine Straftat. Ein Problem gibt es trotzdem: „Illegal ist, was ohne Einverständnis und Wissen der Eigentümer geschieht“, sagt Stefanie Zießnitz aus dem Presseamt der Stadt. Einen Stromkasten der Stadt ungefragt zuzukleben, kann als Ordnungswidrigkeit gewertet werden.

Das erklärt auch, warum Dropix Paste-Ups als „Illegales-Legales-Zwischenmedium“ bezeichnet. In seiner Jugend hat er noch gesprayt, bis ihm die Sache zu heikel wurde. “Das ist eine Szene für sich. Du musst da hundert Prozent hinter stehen. Wenn du einen Job hast – ich hab dann eine Ausbildung angefangen – kannst du das nicht mehr machen”, erzählt er. Mit Anfang 20 juckten ihm aber wieder die Finger. Inspiration fand er damals in den mittlerweile legendären Künstlern Banksy und Shepard Fairey. “Früher gab es nur Graffiti und auf einmal kam so ein Banksy, Leute, die keine Schriftzüge oder Tags gemalt haben, sondern Karikaturen, die mit einfachen Gedanken ein Bild geschaffen haben”, erinnert er sich. “Das hat mich gereizt. Du musst gar nicht krasse Graffiti oder Bilder malen – du kannst mit einem Smiley vorm Friedhof die Leute zum Nachdenken anregen.“ Da kam das ‚weniger illegale‘ Paste-Up gerade Recht.  

Wer auf den Geschmack kommt und Gefallen an der Streetart findet, kann sie mit nach Hause nehmen, ohne Paste-Ups und Sticker von der Wand abzureißen. Jan von „Streetart Bonn“ hat gleich mehrere Empfehlungen: Auf den Designermärkten “Strich & Faden” und “CheapArt” in der Fabrik45 und im Kult41 bieten Künstler wie Dropix und 1zwo3 ihre Motive hübsch gerahmt zum Kauf an. Der auf Bonner Produkte spezialisierte Laden “Love Your Local” in der Breite Straße hat immer mal wieder Bilder auf Lager. Wer lieber nur gucken will: Die Innenräume des “The 9th” – einem Co-Working-Space für Start-Ups in der Stockenstraße – und das Haus der BFM Architekten im Hochstadenring sind mit Dropixen und 1zwo3s versehen.

Ein Koopa, der kleine Schildkrötengegner aus dem Videospiel Super Mario, prangt auf dem unteren Ende eines Stromkastens in der Breitestraße. Ganz unscheinbar in schwarz, von der Witterung angefressen und übersät mit den Resten weggewaschener Plakate, als wäre er immer noch auf der Jagd nach italienischen Klempnern. Dem ungeübten Auge würde das Schablonen-Graffito vermutlich gar nicht auffallen, doch wenn man erst einmal den Blick für Streetart entwickelt hat, bleibt kein Stromkasten ungemustert. Der Blick wandert die Fassaden herauf und herunter, die unscheinbarsten Ecken und Hauseingänge werden inspiziert. Was neben den Kunstwerken auch immer wieder auffällt, sind die vielen weniger aufwändig gestalteten, teilweise im Vorbeigehen hingeschmierten Graffiti. Oft bestehen sie lediglich aus einem Namen, auch Tag (englische Aussprache) genannt.

Ein Blick in die Statistik der Polizei Bonn verrät, dass es 2016 knapp 720 angezeigte Graffiti gab. Das ist ein bisschen weniger, als der Durchschnitt der letzten fünf Jahre mit ungefähr 770 Anzeigen. Die Fallzahlen sind hoch, die Aufklärungsquote mager: In nicht einmal zehn Prozent der Fälle wurden die Verantwortlichen gefasst. In ganz Deutschland wurden 2016 mehr als 105.000 Fälle registriert, berichtet das Statistik-Portals Statista. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen.

Grafik: Polizei Bonn

Die gesprühten Schriftzüge finden sich an Fassaden, Stromkästen, Einfahrten, Zierleisten und Regenrohren. Auf der Fahrt mit der Bahn durch die Kölnstraße zerfließen sie vor den Augen und ineinander über, so dicht drängen sie sich hier aneinander; manchmal großflächig farbig gesprüht, meistens aber bloß mit dickem, schwarzen Filzstift hingekritzelt.

Die Urheber sind schwer zu fassen. Viele E-Mails und Telefonate sind investiert, bis sich eine Spur ergibt: Am anderen Ende der Leitung spricht ein junger Mann. Auf die auffälligsten Sprüher angesprochen sagt er: “Die kenne ich alle.” Er will versuchen, den Kontakt herzustellen. Doch ein paar Tage später die Ernüchterung: Keiner der so genannten Tagger will mit dem GA sprechen. Sie wollen nicht einmal, dass man über sie spricht. Die Frage bleibt: Was treibt jemanden um, der die ganze Stadt mit seinem Namen zupflastert?

Neben privaten Hauseigentümern ärgern die Tagger mit ihren Schriftzügen vor allem öffentliche Träger. Die Stadt Bonn, die Stadtwerke, die Eigentümerschutz-Gemeinschaft Haus & Grund, die Polizei Bonn, die Bundespolizei und die Deutsche Bahn arbeiten deswegen aktiv in der Ordnungspartnerschaft „Gemeinsam gegen Graffiti“ mit. 2017 zahlte die Stadt Bonn über 82.000 Euro für die Beseitigung ungewollter Schriftzüge sowie für präventive Schutzanstriche. Tendenz: steigend.

Grafik: Katharina Weber/GA

Grafik: Katharina Weber/GA

Zwischen der Masse illegaler Graffiti erfreuen in Bonn hier und da legal besprühte Wände das Auge des Betrachters. In Bad Godesberg erstreckt sich Höhe der Haltestelle Moltkestraße ein mehrere Meter breites Mural an der Fassade des Kinopolis, das Motiv eine Mischung aus Nahverkehr und Film. Den Urheber verrät ein (legaler) Schriftzug: Bennie Sobala. Auf seinem YouTube-Channel “Saikone Graffiti” erklärt er in Hunderten Videos, wie man Graffiti malt und sprüht.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die illegal sprühen, zeigt er sich gesprächsfreudig. Das erste Mal habe er das mit der Spraydose am Jugendzentrum in Pützchen ausprobiert, erinnert er sich. Es folgten eine Bretterwand im Garten seiner Eltern, viel Übung und bald die ersten professionellen Aufträge. Seitdem gestaltet er nebenberuflich Wände auf Anfrage. 

Er selber sei nie illegal unterwegs gewesen, tausche sich in seinen Live-Streams aber mit „der Community“ aus. Und endlich: eine Antwort auf die Frage nach den Beweggründen. “Für die einen ist es der Kick, etwas Illegales zu machen. Der andere will seine Botschaften verbreiten, die teilweise gegen das System gerichtet sind. Und der Nächste will einfach seinen Namen durch Deutschland rollen sehen.” Dass das Produkt nicht immer ästhetisch wertvoll sei, sei den schwierigen Bedingungen des illegalen Sprühens geschuldet, wie zum Beispiel dem Zeitdruck. “Da ist dann Quantität statt Qualität gefragt. Im Legalen ist es eher so, dass man über die eigenen Grenzen gehen will, was das Können angeht“, sagt Sobala.

In Bonn gebe es dafür aber nicht ausreichend Gelegenheit. “Es fehlen mir legale Flächen“, kritisiert er. „Wenn ich für den legalen Bereich sprechen darf und meine Aufträge abziehe, gibt es in Bonn nicht viele. Ich fahre meistens nach Köln rüber.“ Neben genügend freien Flächen gebe es dort auch Menschen, die legale Graffiti förderten. 

Wenn Sobala von durch Deutschland rollenden Namen spricht, meint er damit mit Tags besprühte Züge. „Sehr häufig ist der Nahverkehr Ziel illegaler Sprayer“, weiß auch Michael Henseler, Sprecher bei den Stadtwerken Bonn. Denn in Sprayer-Kreisen gilt: Je mehr Leute die Graffiti zu sehen bekommen, desto besser. Ein Zug wird so zur fahrenden Werbefläche.

In den städtischen Kosten zur Beseitigung von Graffiti sind Busse und Bahnen aber gar nicht eingerechnet. 2016 brachten allein die Bonner Stadtwerke 424.000 Euro auf, um Vandalismusschäden im ÖPNV zu beseitigen. 179.000 Euro kostete es, Graffiti in der Infrastruktur zu beseitigen, knapp 30.000 Euro auf den Bahnen und über 22.000 auf Bussen. Sprich: 231.000 Euro, und damit über die Hälfte der Kosten durch Vandalismusschäden, gehen auf das Konto von Sprayern. Bis 2006 können die SWB auf Zahlen zurückgreifen, ein Jahresvergleich sei laut Henseler trotzdem schwierig, da sich die Anzahl der Fahrzeuge und Haltestellen erhöht habe. Insgesamt bleibe der Betrag seit Jahren relativ gleich.

Einen Tipp hat Sobala für Graffiti-geplagte Hausbesitzer: Bestimmte Flächen würden wegen ihrer günstigen – heißt abgelegenen – Lage immer wieder von illegalen Sprayern heimgesucht. In diesen Fällen würde es helfen, die Flächen professionell gestalten zu lassen. Es gebe nämlich einen Ehrenkodex unter Sprayern: Ein Werk dürfe nur übersprayt werden, wenn das neue Werk besser ist, als das alte.

Das haben auch die Stadtwerke erkannt. Für ihre Aktion “Bunt statt dreckig” rufen sie regelmäßig dazu auf, besonders stark verschmutzte Kästen oder Trafohäuschen zu melden. Die Auserwählten werden von Profis rundherum mit detaillierten Motiven besprüht. Auf dem Bonner Stadtgebiet sind so mittlerweile knapp 30 Kästen von Tag-Gräbern zu echten Hinguckern geworden. Ob der Ehrenkodex auch die Stromkästen in Bonn erfolgreich beschützt? “Total”, ist Henseler überzeugt. “Keiner dieser Kästen ist seitdem verschandelt worden.”

Vor Ort kann man sich selbst davon überzeugen: Die Trafostation auf dem kleinen Platz vor dem Haus der Springmaus in Endenich zieren jetzt ein roter Vorhang, Publikum und ein Mikrofon; in Lessenich sind auf der wohl größten bemalten Station prominent die Duisdorfer Esel abgebildet; den Weg zum Haus des Karnevals in Tannenbusch weist ein fröhlicher Clown.

So ganz hat es mit dem Ehrenkodex aber nicht geklappt. Vor der Beethovenhalle hält ein älterer Herr mit Schnurrbart und Einkaufstüte kurz inne und beobachtet, wie die Reporterin ein Foto von Bonns Lieblingsmusiker auf der dortigen Trafostation macht. “Sehr schönes Motiv”, stellt er fest. “Bis auf das A”, ergänzt er noch, bevor er weitergeht, und zeigt dabei auf ein großes, umkreistes A, das neben Beethovens Konterfeit geschmiert wurde. Wegen seiner lila Farbe hebt es sich gut vom grauen Untergrund ab. Manche Tagger schrecken wohl auch vor fremder Kunst nicht zurück.

(Fotostrecke unten, bitte für Navigation rechten oder linken Bildrand anklicken) 

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Foto: Streetart Bonn

Das sagen die Künstler

Wer sind diese Streetart-Künstler? Wie stehen sie zu ihrer Arbeit? Und wie sehen sie Bonn? Die Paste-Up-Artists Chrono, Dropix und Brainoon im Interview.

Warum nutzt ihr Häuserwände und nicht Leinwände für eure Kunst?
Dropix: „Das liegt vielleicht daran, dass ich früher Graffitis gemalt habe. Mit einer Leinwand erreichst du genau zwei Leute: Dich selbst und den einen, der dir bei Instagram folgt. Auf der Straße sehen das mehr, du kriegst mehr Resonanz. Aber Leinwände male ich auch gerne.“

Chrono: „Einfach, weil es eine Grenzüberschreitung ist. Es trägt Kunst vom privaten Raum, vom Wohnzimmer in die Stadt. Das hat die Kraft, mehr Leute zu erreichen und Leuten vor den Kopf zu stoßen, die das normalerweise gar nicht sehen würden.“

Für wen oder was macht man das?
Chrono: „Für andere, für Leute, die wirklich hinschauen. Wir leben in einer Zeit, wo jeder gefühlt seine eigenen drei kleinen Bildschirme hat und wenn man wollte, könnte man mit offenem Google Maps durch die Stadt laufen. Und in so einer Zeit will ich Leute ansprechen, die ein offenes Auge haben für die Straßen, in denen sie sich befinden, die auch mal eine Abzweigung nehmen und dann mit offenen Augen herumlaufen.“

Brainoon: „Für die Menschen. Es gibt einfach viel zu viele Sticker draußen, wo zum Beispiel drauf steht “Nazis raus”. Die Leute gehen daran vorbei. Keiner guckt sich das an und denkt: “Oh ja, Nazis raus, ich geh mal raus”. Ich mach lieber etwas, wo die Leute lächeln. Die denken sich, hoffe ich: Oh, das ist aber schön.“

Der vergängliche Aspekt bei Streetart: Ist das schlimm oder macht das auch den Reiz aus?
Dropix: „Manchmal ärgere ich mich, wenn ich etwas frisch geklebt habe, einen Tag oder zwei später wieder komme, um noch ein schönes Foto zu machen, wenn du das nicht mehr schaffst, schade. Aber andersherum: Es ist keine verlorene Kunst, sondern Kunst für einen kurzen Augenblick.“

Chrono
: „Ich finde das cool. Ich finde, das hat was, dass es einfach untrennbar mit dieser Kunstform verbunden ist. Am Anfang hat es mich so sehr geschmerzt, ein Bild aufzuhängen, an dem ich Stunden gesessen habe, und dann quasi los zu lassen. Ab dann weiß ich nicht, was damit passiert und das war am Anfang sehr schmerzhaft. Aber irgendwann hat es fast etwas Erleichterndes bekommen. Ich habe es aufgehangen und dann war es weg aus meiner Welt. Anstatt, dass sich zu Hause die Leinwände stapeln, habe ich das Gefühl, ich bin Teil der Stadt, was auch sehr befreiend ist.“

Bonn – ein gutes Pflaster für Streetart?
Dropix: „Es ist schneller vergänglich hier. Wenn du in Köln, Hamburg oder anderen großen Städten lebst, hast du deine Viertel, deine Straßen, wo du weißt: Da machst du was hin und das bleibt da ein halbes Jahr. Bonn ist schon ein bisschen ordentlicher.“

Chrono: „Ich mag Bonn sehr, muss ich sagen. Ich weiß nicht, ob man von einer Bonner Szene sprechen kann, was Streetart betrifft. Ich glaube dafür sind wir noch nicht so richtig vernetzt. Aber generell ist Bonn ein guter Startpunkt mit Nähe zu Köln. Ich finde Bonn sehr schön und es gibt sicherlich kreative Leute hier.“

Mit welchen Augen seht ihr die Stadt?
Dropix: „Das ist eine schwierige Frage. Bonn an sich ist… ein schönes Dorf. Egal, wo ich bin, es hat überall seine schönen Ecken und Straßen. Als Künstler schaue ich immer mit einem Auge: An der Location kannst du das und das machen. Als Privatperson kann ich oft sagen: Da ist ein Bauklotz, der sieht schlecht aus, der gefällt mir nicht. Aber als Künstler denke ich wieder: Ein großes Haus wirft günstige Schatten, du könntest da was machen.“

Brainoon: „In Bonn klebt zu wenig. Wenn man nach Köln geht, wird man überflutet. Berlin? Will ich gar nicht wissen. Aber hier in Bonn siehst du wirklich nur noch diese Politiksticker. Und die schönen Sticker werden einfach abgeklebt. Von daher hab ich mir gedacht (und denke immer noch): Kreative Sticker sehen einfach schön aus. Für mich tun sie das. Ich hoffe, für die Leute auch.“

Ist eure Kunst politisch?
Chrono: „Das ist eine gute Frage. Ich glaube immer mehr, dass man gar keine unpolitische Kunst machen kann. Selbst Bilder, die etwas Abstrakteres ansprechen, also Liebe zum Beispiel, lassen sich politisch greifen. Aber ich würde meine Kunst, gerade wenn ich andere anschaue, eher nicht politisch nennen, sondern hoffe, dass ich eher einen poetischen Aspekt ansprechen kann, eher ein Gefühl.“

Brainoon: „Ich halte mich raus aus der Sache. Politik und Religion hält Menschen auseinander, macht nur Streitthemen. Ich will lieber die Welt bunt machen. Jeder Mensch hat seine Meinung, das muss jeder akzeptieren.“

Womit klebt ihr eure Werke und an welche Flächen?
Chrono: „Bastelleim. Am Anfang habe ich mit Posterklebern geklebt, damit man das mit der Hand abmachen konnte, aber irgendwann dachte ich: Eigentlich geht es mir darum, dass es möglichst lange da hängt und von möglichst vielen Leuten gesehen wird. Dann bin ich auf ein höheres Level von Vandalismus umgestiegen. Ich achte darauf, dass ich keine privaten Häuserwände beklebe. Eher im öffentlichen Raum, Unterführungen, Bushaltestellen.“  

Brainoon: „Das kommt spontan. Ich schau mir den Ort an und sehe nach , ob alles sicher ist. Ich tue so, als würde ich mich an die Wand lehnen und dann klebt da schon was. Ich suche mir etwas, wo es hin passt und wo es schön aussieht, nicht irgendwo, wo ich weiß, dass da keine Menschen vorbei gehen. Es soll schon gesehen werden.“

Seid ihr schon mal “erwischt” worden?
Dropix: „Ja, beim Paste-Up haben mich öfter Menschen beobachtet. Eigentlich habe ich immer positive Resonanz bekommen. Das waren junge Leute, die hinter mir standen. Die haben sich das angeguckt, gelacht, mir ihre Geschichte erzählt. Hier und da kamen auch schon Leute vorbei, die gesagt haben: “Was soll das? Ich rufe gleich die Polizei und das Ordnungsamt.” Da muss man dann am besten ruhig bleiben, schnell wieder gehen und sagen, morgen macht man das wieder ab.“

Brainoon: „Noch nicht, aber gehört habe ich so einiges von den Leuten, die mit mir zusammen kleben. Da kam zum Beispiel die Polizei und die mussten nicht nur ihre Sticker, sondern alle, die da waren, von der Wand kratzen.“

Warum gibt es so viel mehr Männer in der Streetart?
Brainoon: „Weil sich zu viele Mädels zu schade sind, so etwas zu tun. Es ist eher etwas Männliches, man will sich als Frau dann vielleicht nicht in den männlichen Part unterkategorisieren lassen, dass man dann denkt, du bist nicht weiblich genug. Wenn du an Männerphantasien denkst, hast du ein klares Bild. Da steht bestimmt keine, die Sticker klebt. Und ich denke, viele Frauen denken auch so.“

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Butterfly Headshot - Motiv nach Banksy

Das sagt die Expertin

Über die Ursprünge der Streetart weiß Monja Müller bestens Bescheid. In ihrer Doktorarbeit „Reclaim the Streets“ beschäftigte sie sich mit den Werken der mittlerweile legendären Streetart-Künstler Banksy und Shepard Fairey.

Wann wurde der Begriff Streetart geprägt?
Monja Müller:
Der Begriff Street Art (ich bevorzuge diese Schreibweise auch aufgrund der Nähe zu Pop Art, Land Art und anderen Kunstströmungen, die großen Einfluss auf Street Art hatten) geht auf das gleichnamige Buch von Allen Schwartzman aus dem Jahr 1985 zurück. In diesem Buch präsentiert Schwartzman inhaltlich und technisch äußerst spannende Arbeiten im öffentlichen Raum von Künstlern wie Barbara Kruger, Keith Haring, Richard Hambleton und Jean-Michel Basquiat, die heute allesamt zu der ersten Generation von Street-Art-Künstlern gezählt werden und heutige Künstlergenerationen deutlich geprägt haben.

Diese Bezeichnung wurde recht schnell von der damaligen Subkultur und den Medien aufgegriffen, wobei bis heute auch Begriffe wie Urban Art noch verwendet werden. Die Kombination aus der Straße als unmittelbarem Präsentationsort sowie primärem inhaltlichen Bezugspunkt mit der Bezeichnung oder Kategorisierung als Kunst zeichnet den Begriff Street Art besonders aus. Generell muss man bei solchen Bezeichnungen allerdings vorsichtig sein, da es sich hierbei immer um Kategorisierungen von „Außen“ handelt, um Künstler oder einzelne Werke besser einordnen zu können. Die Künstler selbst lassen sich, verständlicherweise,  jedoch nur ungern in Kategorien einordnen.“

Worin hat sie ihren Ursprung?
Müller: „Anders als bei den Kunstbewegungen der Moderne wie dem Dadaismus existiert in Bezug auf die Street-Art-Bewegung weder ein Manifest oder Programm, noch lässt sie sich als Gruppierung zusammenfassen oder auf einen genauen Startpunkt festlegen. Auch die genaue Verortung stellt sich als schwierig heraus.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Street Art in allen Großstädten, Metropolen und Megastädten auf sämtlichen Kontinenten anzutreffen; dies allerdings mit großen Unterschieden bezüglich Quantität, Material und Technik. Existieren heute verschiedene Street-Art-Zentren in den USA (New York und Los Angeles), Europa (London, Berlin, Lissabon, Paris etc.) und Lateinamerika (Sao Paulo und Valparaiso), lässt sich diese Bewegung in großen Teilen auf die Street-Art-Bewegung der 1970er und 1980er Jahre in New York City zurückführen. Die Literatur unterscheidet zwischen Generationen von Street-Art-Künstlern. Die erste Generation bilden vor allem in den 1970er und 1980er Jahren in New York City arbeitende Künstler wie Richard Hambleton und Keith Haring sowie in Europa wirkende Vertreter wie Harald Naegeli („Sprayer von Zürich“) und Blek le Rat.“

In Ihrer Doktorarbeit haben Sie sich vor allem mit Banksy und Shepard Fairey beschäftigt. Wofür sind die beiden bekannt? Warum genau diese beiden?
Müller: „Shepard Fairey und Banksy haben mittels unterschiedlicher Strategien und Aktionen eine neue massenmediale und teilweise sogar kommerzielle Plattform für Street Art erschlossen, gleichzeitig aber auch das Interesse der institutionellen Kunstwelt geweckt und somit den Weg für andere Street-Art-Künstler geebnet. Aufgrund dieser Errungenschaften nehmen beide Künstler einen ganz besonderen Stellenwert innerhalb der Street-Art-Bewegung ein, sodass nachfolgende Künstler geradezu gezwungen sind, Stellung (ob befürwortender oder ablehnender Art) zu diesen beiden Ausnahmekünstlern zu beziehen. Die Geschichte der Street-Art-Bewegung lässt sich aus heutiger Perspektive somit nicht zufriedenstellend untersuchen, ohne auch einen kritischen Blick auf das Schaffen dieser beiden Künstler zu werfen.“

Was fasziniert die Menschen an der Arbeit der beiden so? Wie erklären Sie sich ihren Erfolg?
Müller:
„Die Street-Art-Bewegung hat Fairey und Banksy sehr viel zu verdanken, unter anderem da beide stets versuchen, die Grenzen in Bezug auf Street Art im Besonderen und Kunst im Allgemeinen auszutesten und auszureizen. Dies bezieht sich mal auf die schiere Größe eines Projektes, die Masse an verbreiteten Motiven, Verkaufsrekorde auf dem Kunstmarkt, enorme Medienpräsenz (und das im Falle von Banksy trotz angeblicher Anonymität) oder mal auf besonders spektakuläre Anbringungsorte und Aktionen. Auf diese Weise polarisieren beide Künstler selbstverständlich enorm, bestimmen so meist jedoch auch den jeweiligen Diskurs und stehen im Mittelpunkt der Medienberichterstattung. Denn beide Künstler teilen die Gemeinsamkeit, eine breite, potentiell an diversen gesellschaftspolitischen Themen interessierte Öffentlichkeit mit ihrer Kunst und ihrem Auftreten erreichen zu wollen. Hierfür setzen sie die Medien, insbesondere jedoch die sozialen Medien äußerst geschickt ein.“

Was sind die Motivationen der Künstler, die Sie untersucht haben? Warum die Straße und nicht die Leinwand?
Müller:
„Anstatt die Bürger durch Verhaltensvorschriften und Überwachungstechnologie zu kontrollieren und durch Kaufempfehlungen zu beeinflussen, appellieren diese Künstler an die Stadtbevölkerung, sich an der individuellen Gestaltung ihres städtischen Lebensumfeldes zu beteiligen – frei nach dem Motto „Reclaim the streets“. Wenngleich die Street-Art-Bewegung eine Vielzahl von Künstlern unterschiedlicher Herkunft, Bildung und unterschiedlichen Alters umfasst, eint diese Künstler vor allem der Wunsch, den Status quo zu verändern. Street-Art-Künstler versuchen die Bevölkerung für die eigene Lebensumwelt zu resensibilisieren, indem sie mit ihren meist farbenfrohen, figurativen und oftmals auch ohne Vorwissen verständlichen Werken den Betrachter im öffentlichen Stadtraum unverhofft überraschen, amüsieren oder aber dessen ästhetisches Empfinden stören. Auf diese Weise können Street-Art-Werke Sehgewohnheiten im öffentlichen Raum aufbrechen und damit bestenfalls die psychogeografische Stadterfahrung der Passanten und Bürger verändern.

Die Frage nach der Verfügungsgewalt über den öffentlichen Raum stets vor Augen bietet Street Art auf diese Weise eine Alternative zur Omnipräsenz der Werbung und der Einweg-Kommunikation der Massenmedien im öffentlichen Raum und setzt sich über Verbotsvorschriften hinweg. Die Straße als grenzenlose und farbenfrohe Galerie stellt vielmehr die Kreativität, Individualität und den freien Austausch der Bürger in den Vordergrund ohne auszugrenzen und auszuschließen.“

Wo hört die Sachbeschädigung auf und fängt die Kunst an?
Müller: „Das ist eindeutig eine Frage der Perspektive. So kann ein illegal im öffentlichen Raum angebrachtes Werk aus Sicht der Stadtverwaltung Sachbeschädigung sein, dennoch können das Werk und sogar der Akt des unerlaubten Anbringens selbst Kunst sein. Während die Behörden sowie einige Bürger unerlaubt angebrachte Interventionen als Vandalismus und Gefahr für die bürgerliche Ordnung verstehen, sehen Street-Art-Künstler als Bewohner der Stadt die symbolische Raumaneignung und -umgestaltung vielmehr als Teilhabe an der städtischen Öffentlichkeit und somit als ihr gutes (bürgerliches) Recht an. Unermüdlich stellen sie und auch jene, die sich als Gegner dieser autonomen Kunstbewegung verstehen, die Frage nach der Verfügungsgewalt über den öffentlichen Raum. Wie der öffentliche Raum durch den Einzelnen modifiziert werden darf wird abseits der Diskussionen zu den Themen Graffiti und Street Art schließlich nur selten hinterfragt. Interessanterweise schmücken sich seit wenigen Jahren aber auch immer mehr Großstädte und Metropolen mit dem speziellen Flair dieser illegalen Kunstform und instrumentalisieren Street Art zwecks Attraktivitätssteigerung des städtischen Außenraumes für die Bewohner, aber vor allem für Investoren und Touristen.“

Viele Streetart-Künstler drucken ihre Motive auch auf T-Shirts oder verkaufen sie in Papierform. Widerspricht die Kommerzialisierung der Streetart dem ursprünglichen Gedanken?
Müller
: „Die von Ihnen genannten Beispiele wie der Verkauf von T-Shirts und Drucken, werden innerhalb der Bewegung generell geduldet – schließlich benötigen auch Street-Art-Künstler eine Möglichkeit, sich selbst und ihre Tätigkeit im öffentlichen Raum zu finanzieren. Dabei ist es für das Ansehen innerhalb der Bewegung von großer Bedeutung, dass diese Künstler zum einen schon lange in der Bewegung aktiv sind und zum anderen ihre Arbeit im öffentlichen Raum stets oberste Priorität hat, nur so lässt sich die sogenannte „Street Credibility“ erarbeiten und aufrecht halten.

In der heutigen Street-Art-Bewegung polarisieren vor allem die besonders erfolgreichen Street-Art-Künstler wie Shepard Fairey und Banksy. Andererseits ermöglicht gerade der hohe Bekanntheitsgrad diesen Künstlern deutlich größere künstlerische Freiräume bei der Gestaltung kommerzieller Projekte und unterscheidet sie von regulären Produkt- und Grafikdesignern. Und schlussendlich läuft jede „erfolgreiche“ subkulturelle Bewegung (z. B. auch Punk oder Hip Hop) irgendwann einmal Gefahr von der Konsumindustrie und/oder der Werbebranche kommerzialisiert zu werden – gerade die aktive Rolle dieser Street-Art-Künstler im Hinblick auf die Kommerzialisierung ihrer eigenen Kunst ermöglicht ihnen paradoxerweise eher einen gewissen Grad an Kontrolle über diesen Prozess zu behalten als es bei einer Kommerzialisierung „von Außen“ denkbar wäre. So macht Keith Harings Verwendung des Copyright-Zeichens im Zusammenhang mit seiner Signatur stellvertretend für viele Künstler der Street-Art-Bewegung den Unterschied zu der etablierten Kunstwelt deutlich, nämlich den offeneren Umgang mit kommerziellen Absichten.“ 

Gibt es Unterschiede zwischen der internationalen und deutschen Street Art?
Müller: „Während die US-amerikanische, lateinamerikanische und europäische Street-Art-Bewegung aufgrund des jeweils unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes ihrer jeweiligen Entstehungsorte, der Rezeption und Akzeptanz durch die Bevölkerung und auch durch die zur Verfügung stehenden Materialien zumindest in der jeweils ersten Künstlergeneration durchaus Unterschiede aufgewiesen haben, so lässt sich aufgrund des schnellen Austauschs von Fotografien via sozialer Medien und der zunehmenden Mobilität der Künstler heute nicht zwischen einer deutschen und einer internationalen Street Art unterscheiden. Generell existiert auch nicht die eine Street Art, sondern vielmehr unendlich viele Varianten von Street Art, die auf die unüberschaubare Masse an weltweit aktiven Künstlerinnen und Künstlern zurück zu führen sind.“

Wenn Sie ein Fazit aus Ihrer Dissertation ziehen würden – was bei einer 500 Seiten starken Arbeit schwierig sein könnte – wie würde es lauten?
Müller
: „Auch nach über fünfhundert Seiten und im Großen und Ganzen etwa neun Jahren, die ich mich nun schon mit Street Art beschäftige, hat diese Kunstform bis heute nicht an Faszination verloren – insbesondere auch dadurch, dass es ständig Neues zu entdecken gibt und die Beschäftigung mit dieser Kunstform meine eigene persönliche Sichtweise auf die visuelle Kommunikation im öffentlichen Raum nachhaltig geprägt und verändert hat.“

Zur Person: Monja Müller studierte Kunstgeschichte, Neuere deutsche Literatur sowie Anglistik/Neuere englische Literatur an der Universität Bonn. 2010 schloss sie ihr Studium mit einer Magisterarbeit über Shepard Faireys „Obey Giant“-Kampagne ab. Seitdem arbeitet sie für eine eine Nonprofit-Organisation im Bereich der Begabtenförderung. Für ihre Doktorarbeit verfolgte sie das Thema Streetart nebenberuflich weiter. Ihre Dissertation im Fachbereich Kunstgeschichte veröffentlichte sie im Sommer 2017. In ihrer Freizeit reist sie gerne, sucht und fotografiert Streetart und teilt die Fotos über ihren Instagram-Account reclaim.the.streets.

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